"Third" ist ein Meisterwerk, das sich nahtlos in den musikalischen Werdegang von Portishead einfügt und ein krönender Abschluss sein kann, falls die Band kein weiteres Album produzieren wird.
Portisheads erstes Album "Dummy" war trist, minimalistisch, unterkühlt und herzeleidtrautig, das zweite Album "Portishead" war wärmer, melodischer, kunstvoller, glatter -- aber gerade die Live-Einspielung "Portishead @ Roseland NYC" hat schon dynamisch-kraftvolle Elemente, die sich in "Third" wiederfinden. Beth Gibbons Solo-Album "Out of Season" war schließlich leise und zart, sehr nah und akustisch mit weniger elektronischen Einflüssen.
Das überraschende und begeisternde am Album "Third" ist im Rückblick auf diese Vorgänger-Platten, dass es alles andere als verbraucht, recyclet oder gar angepasst ist. Third klingt auf weiten Strecken roh, handgemacht, authentisch, gebrochen -- fast schon fiebrig, wie ein geniales Erstlingsalbum, aber trotzdem mit perfekter 'Dramaturgie' in der Dynamik der einzelnen Songs und des Gesamtalbums. Third ist alles andere als leichte Kost, die Stücke verweigern sich Erwartungshaltungen: In "Plastic" beginnt man immer wieder mit dem Kopf zu nicken, wenn der Rhythmus einsetzt, um gleich wieder unterbrochen zu werden, auch "Silence" hat solche retardierenden Momente, "Machine Gun" ist so dräuend, dass man sich gar nicht traut, den Beat mit zu wippen; in "We carry on" wartet man dann nur auf den Bruch, wird aber durch die beklemmende Beat-Monotonie überrascht, während "Deep Water" fast schon zum Lachen bringt. Das Album hat durchaus Stücke mit melodischer Schönheit, wird jedoch nie poppig oder eingängig -- die meisten Stücke sind kompromisslos, manchmal anstrengend in ihrer Wechselhaftigkeit oder ihrem abrupten Ende.
Das Gefühl der Vertrautheit und Geborgenheit vermitteln bei aller Verquertheit Stücke wie "Hunter", das an den Sound der Alben "Portishead" und "Out of Season" anschließt, oder "The Rip", das sich langsam aufbaut und ungebrochen schön bleibt. Das kurze "Deep Water" ist fast schon ein humoristischer Kontrapunkt im Album, der Text ausnahmsweise mal hoffnungsvoll und ermutigend. Um so härter tritt danach "Machine Gun" an, um die Leichtigkeit zu zerschlagen -- kalt, brutal und gepeinigt marschiert der Beat entlang der geisterhaft-traurig gesungenen Hymne. Am Ende des sich gnadenlos steigernden Stücks sitzt man mit klopfendem Herzen und einem Kloß im Hals da und stiert ins Leere.
"Nylon Smile" ist gehetzt und fiebrig, traumartig-ambivalent mit plötzlichem Erwachen, "Small" erinnert mit den schrebbeligen Keybord-Sounds ein wenig an die Elektropop-Gruppe "Broadcast", "Magic Doors" hat einen treibenden Groove und überrascht mit harmonisch-poppigem Piano.
"Threads" schließlich ist ein grandioser Abschluss des Albums, langsam und Schlagzeug-dominiert steigert es sich ähnlich wie der Schlusstrack "Strangers" auf "Portishead @ Roseland NYC" um dann langsam zu verklingen.
Heilfroh bin ich, dass der Sound von "Third" kantig und rau statt glatt und technisch ist -- verzerrte Gitarren, anachronistisch-einfache Synthi-Sounds (in einem Live-Video sieht man, dass ziemlich alte Elektro-Orgeln eingesetzt werden), eine flache bis höhenlastige Schlagzeug-Aussteuerung, kein übertriebener Bass. Das Album klingt alles in allem 'unterproduziert' und fancyless, das macht es so packend, der Fokus liegt ganz auf den einzelnen Songs, Effekte werden nicht willkürlich sondern meisterhaft kalkuliert und generell sparsam eingesetzt. Plattenteller-Gescratche würde auf diesem Album wie eine alberne Kinderei klingen.
Für mich eines der besten Alben der letzten Jahre.