Schnorrenberger zählt im deutschsprachigen Raum zu den wohl bekanntesten Autoren zum Thema Traditionelle Chinesische Medizin und Akupunktur. Sein dritter Band zum Thema "Therapie mit Akupunktur" bearbeitet nach den inneren und äußeren Erkrankungen in den ersten beiden Bände nun die Erkrankungen des Kopfes. Wie in den beiden Bänden zuvor versucht er eine Synthese aus westlicher Diagnose und chinesischer Differenzierung und Behandlung. Jede aufgeführte Krankheit nach westlichen Begriffen, z.B. Migräne, wird unterschieden nach verschiedenen chinesischen Syndromen, z.B. aufsteigendes Leber-Yang. (Grundsätzlich hält der Autor dabei nur die Integration der westlichen Medizin in das chinesische System, nicht aber die umgekehrte Integration chinesischer Prinzipien in das westliche Medizingebäude für möglich.) Diese Art der Darstellung ist im chinesischen Schrifttum weit verbreitet. Tatsächlich decken sich einige Passagen fast wortgleich mit dem Buch von O'Connor und Bensky, "Acupuncture. A Comprehensive Text". Bei diesem Buch handelt es sich um eine englische Übersetzung eines verkürzten Lehrbuches des Shanghai College of Traditional Medicine. Die ursprünglich vierbändige Originalausgabe erschien 1962. In der Trilogie von Schnorrenberger werden mehr Krankheitsbilder bearbeitet, als in dem Buch von O'Connor und Bensky. Dennoch kommt bei mir der Verdacht auf, daß das Buch zum Teil von chinesischen Büchern abgeschrieben worden ist. Leider finden sich im dritten Band auch einige identischen Wiederholungen aus den beiden früheren Bänden, so daß man manche Informationen zweimal bezahlt hat, wenn man sich alle Bände leistet. Zusätzlich findet sich in diesem dritten Band ein Abschnitt über Analgesie und Schmerztherapie, ein Thema, das im deutschsprachigen Raum bisher kaum in dieser Ausführlichkeit publiziert wurde. (Auch hier decken sich die Empfehlungen zur Anästhesie bis ins Detail mit dem Buch von O'Connor und Bensky.)
Insgesamt ist das Buch kaum als Lehrbuch für den Anfänger geeignet. Vielmehr bietet es dem Kundigen Möglichkeiten zum Nachschlagen von Behandlungsprinzipien und Differenzierung einer westlichen Diagnose nach chinesischen Mustern. Die Vielfalt der bearbeiteten Diagnosen ist meiner Ansicht nach die einzige Stärke dieses Buches. Gut gelungen sind auch die "Hinweise für die Praxis", die Kontraindikationen der Akupunktur aufführen und immer wieder davor warnen, die Akupunktur als alleiniges und allmächtiges Therapeutikum zu überschätzen. Daneben versucht der Autor, Erfolge der Akupunktur wissenschaftlich zu belegen. Dieser Versuch ist meines Erachtens kläglich gescheitert. Die Quellen der zitierten Literatur sind nämlich entweder eigene Arbeiten, Berichte bzw. Abstracts im Rahmen von zwei Akupunktur-Symposien von 1979 und 1984 oder "persönliche Mitteilungen". Solche "wissenschaftlichen" Belege sind meines Erachtens nicht geeignet, der Akupunktur eine Anerkennung durch die westliche Medizin zu verschaffen, weil sie dem westlichen Verständnis von Wissenschaft nicht angemessen sind. Andere Studien im westlichen Design, die es ja durchaus gibt, werden vom Autoren an fast keiner Stelle zitiert. Wo dies doch geschieht, wird die Literatur nur unvollständig aufgeführt und es werden Forschungsergebnisse geschönt. (So ist es durchaus nicht bewiesen, daß die Vermittlung der Akupunktur-Analgesie auf die Ausschüttung endogener Opioide beruht und dies Folge der Nadelwirkung und nicht des Placebo-Effektes ist.) Für den wissenschaftlich tätigen Akupunkteur bringt dieser Abschnitt des Buches insgesamt keinen Gewinn. (Am Rande sei auch bemerkt, daß Schnorrenbergers Art, zu zitieren, für medizinische Publikationen unüblich und sehr unübersichtlich ist.) Da dieses Buch (und die Trilogie) weder Akupunkturpunkte noch Grundlagen der Akupunktur vermittelt, kann es sich nur an den erfahrenen Akupunkteur und nicht an Studenten wenden. Letzterem kann empfohlen werden, auf die englische Kurzfassung von O'Connor und Bensky auszuweichen. Dem erfahreneren Akupunkteur könnte dies Buch nützen, weil es eine große Sammlung von möglichen Differenzierungen westlicher Diagnosen sowie kommentierte Behandlungsvorschläge enthält. Aber ein guter Praktiker wird sich kaum mit standardisierten Behandlungen zufriedengeben, so daß auch für ihn der Nutzen dieses Werkes begrenzt ist. Auch bei mir verstaubt das Buch neben den anderen beiden Bänden im Regal, weswegen der hohe Preis schon etwas unangemessen erscheint.