Infolge der Komplexität ist es mir als Rezensent nicht möglich, den Facettenreichtum des Buches wiederzugeben. Daher möchte ich die Theorie des kommunikativen Handelns auf den Punkt bringen: Habermas unterscheidet in Form ontologischer Voraussetzungen drei Aktor-Welt-Beziehungen: das teleologische Handeln (z.B. Zweckgerichtetheit beim homo oeconomicus, Relationen, die zur objektiven Welt statthaben), das normenregulierte Handeln (Sollhandeln in der sozialen Welt) sowie das dramaturgische Handeln (Expression der subjektiven Welt). An dieser Stelle führt Habermas die Sprechakttheorie pragmatisch ins Feld mittels der er anhand der Sprachverwendungsmodi begreiflich machen kann, welche Sprechhandlung in Bezug genommen wird. Kommunikatives Handeln ist nun ein simultaner Hybridsprechakt, der einen kooperativen Deutungsprozess innehat im Zuge der Verständigung und des Einverständnisses (intersubjektive Anerkennung des vom Sprechaktor erhobenen Geltungsanspruches). Der Hörer muss demnach nicht nur den vom Sprecher expliziten Geltungsanspruch eines Sprechmodus anerkennen, sondern auch die implizit simultan erhobenen. Herausragend für den analytischen Prozess verstehender Soziologie (kausalistisch/hermeneutisch) ist hierbei die Eingabe der phänomenologischen Lebenswelt und aber ihre Rehabilitierung im soziologischen Diskurs. Sprecher und Hörer koinzidieren den kommunikativen Handlungsakt situativ (in actu): "Eine Situation ist ein durch Themen herausgehobener, durch Handlungsziele und -pläne artikulierter Ausschnitt aus lebensweltlichen Verweisungszusammenhängen..." Lebenswelt ist präsenter Hintergrund der Kommunikationsteilnehmer oder: kulturell und sprachlich organisierter Vorrat an Deutungsmustern (und damit auch "transzendentaler Ort, an dem Sprecher und Hörer sich begegnen"). Daher bewegen sich die K.-Teilnehmer stets innerhalb der Lebebnswelthorizonte, deren Strukturen die Formen intersubjektiver Verständigung festlegen. Durch diesen (paradigmatischen) Schlüssel der analytischen Intersubjektivitätsbegründung anhand kommunikativer Handlungsakte ist es Habermas möglich, seine Gesellschaftstheorie über die kritische Analyse der vorangegangenen Soziologien zu entfalten. An dieser Stelle wird es mitunter sehr tiefgründig: Max Weber, Mead und Durkheim, Luhmann, Schütz (phänomenologischer husserlscher Lebensweltbegriff), Parson und Marx werden analysiert und bewertet. Formal bekommt man als Lesender aber oft den Eindruck, dass der vorherige Abschnitt an den nachfolgenden nicht logisch anknüpft (Konsistenzschwächen). Löblich sind neben der hervorragenden Einleitung (Zugänge zur Rationalitätsproblematik), den Exkursen auch die figurierten Abbildungen systemischer Zusammenhänge. So kommt es u. a. auch zum Diskurs sozialer Pathologien, Medientheorien zum Geld, zur Macht, und zur Kritik der instrumentellen Vernunft, die eine kommunikative Vernunft sein soll.
Mich als Leser würde nun interessieren, wie sich kommunikative Handlungstheorie und Systemtheorie unter der Gesellschaftstheorie Hand in Hand subsumieren lassen.
In der Kritik steht das Buch hinsichtlich der Praktikabilität und der unzureichenden Axiomatik der Kommunikationstheorie (Habermas verbannt z.B. Kommunikationszeichen wie Gestiken aus der Theorie). (Natürliche) Sprache ist demnach das non plus ultra: Konservator traditioneller, symbolisch-formaler Inhalte. Kultur ist prägend in semantisch-kapazitärer Hinsicht für Sprache als Speichermedium kultureller Inhalte, die den Deutungs-, Wert- und Ausdrucksmustern angemessen ist. Hier gibt es also Anknüpfungs- und Vertiefungs- bzw. Ausbesserungspotenzial.