Die hilfreichsten Kundenrezensionen
8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Zwischen Satire und ökonomischer Untersuchung, 2. November 2002
Rezension bezieht sich auf: Theorie der feinen Leute. Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen. (Taschenbuch)
Veblen analysiert in seiner 100 Jahre alten Studie die vornehme Klasse, die Klasse der Reichen und Müßigen, analysiert deren Konsumgewohnheit und all die Riten und Gewohnheiten, die diese Klasse so an den Tag legt. Und er kommt dabei zu manch interessantem Schluss: Im Endeffekt schiebt er all das Handeln der reichen Klasse der uralten Rivalität in die Schuhe, ständig ist der Mensch darum bemüht, den Konkurrenten in irgendeiner Form auszustechen, ob das nun beim Konsum, beim Nichtstun, bei der Kleidung ist. Veblens Analysen lesen sich amüsant, hin und wieder beweist Veblen sein Gespür für Satire und das macht das Buch zu einem absoluten Klassiker der Soziologie, Ökonomie und auch der Literatur. Auch Leser, die mit den ersten beiden Fachgebieten eher wenig am Hut haben, sollten Veblens Abhandlung einmal gelesen haben - man hat seinen Spaß dabei, und die Analysen sind zumeist sehr treffend. Allerdings liegt Veblen hin und wieder auch einmal daneben und erkennt Kausalitäten, wo keine sind. Dafür gibt es dann den einen Stern Abzug. Aber alles in allem eine echte Empfehlung!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein
6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
6 Stern, 9. März 2010
Veblen hat das Buch 1899 geschrieben. Damals betrug die amerikanische Wirtschaftsleistung ca. 5% der heutigen. Das Buch ist 2010 wohl aktueller als 1899. Laut Veblen bestimmen 4 Faktoren die Gesellschaftliche Entwicklung. Die beiden konservativen Faktoren sind die Jagd nach Prestige und der archaisch-barbarische Charakter (die aus der Sklavenhalter Gesellschaft und dem Feudalismus übernommenen Charakterzüge). Die beiden progressiven Faktoren sind der Werkinstinkt und der Zwang der modernen Industrie nach einer rationalen Organisation der komplexen Produktion. Der soziale Träger der konservativen Faktoren ist die Oberschicht, die müßige Klasse. Ihre Normen und Werte diffundieren aber von oben durch die ganze Gesellschaft. "Die Meinung der Herrschenden ist die herrschende Meinung". Die konservativen Ansichten geraten aber insbesondere mit den Notwendigkeiten der Industrie in Konflikt. Ein Beispiel ist Latein und Altgriechisch. Der für die Erlernung dieser Sprachen notwendige Aufwand steht in keiner Relation zum industriellen Nutzen. Das Prestige dieser Sprachen besteht gerade in der Demonstration von Muße. Es werden auch die Normen der Sklavenhalter Gesellschaften mit diesen Sprachen transportiert (u.A. das Loblied der Muße und die Geringschätzung der Arbeit). Die Industrie ist aber an praktisch verwertbaren Wissen und nicht an der Kenntnis von Seneca's Gesabere vom schönen Leben interessiert. In der mainstream-Ökonomie der letzten Jahrzehnte ist das Prestige nicht vorgekommen. Die Ökonomischen Akteure waren gottähnliche Wesen, die ihre rationalen Erwartungen optimierten. Die neue Richtung der Behavioural Economics versucht diese vollkommen unrealistische Annahme etwas zu korrigieren. Allzu menschliche Eigenschaften wie Angst, Herdentrieb, Gier spielen in der Behavioural Economics wieder eine Rolle. Diese neue Richtung ist aber noch nicht bei Veblen angekommen. Es ist bisher mehr ein Versuch die unübersehbaren Löcher in der klassischen Theorie zu flicken. Vielleicht schafft es der fortgeschrittenste Teil der Ökonomen in absehbarer Zeit auf den Stand von 1899 zu kommen. Ich habe das Buch während einer Schitouren-Woche gelesen. Auf Grund von schlechten Wetter waren wir zur Untätigkeit verdammt. Normaler Weise beschwer ich mich bei Petrus, diesmal war ich ihm dankbar. Das Buch hat mich vollkommen in seinen Bann geschlagen. Abgesehen von der inhaltlichen Brillianz ist es auch sehr gut geschrieben. Meiner Meinung nach ist es aber keine Satire. Veblen hat einen trockenen Sarkasmus. Es ist aber fast immer eine präzise Beschreibung und nicht eine bewusste Übertreibung wie in der Satire. Das Buch hatte für mich auch eine praktische Bedeutung. Ich habe mich in der Vergangenheit beschwert, dass meine Frau in der Firma zuwenig mithilft ("A bisserl Buchhaltung könnst schon machen"). Veblen hat mir die Augen geöffnet. Sie ist meine stellvertretende Muße. Durch ihr Nichts-Tun und einer gleichzeitig ausgeprägten humanistischen Bildung trägt sie ganz wesentlich zu meinem Prestige (und Bildung) bei. Nachdem ihr Werkinstinkt nicht sehr ausgeprägt ist und sie wesentlich mehr an Platon als an Buchhaltung interessiert ist, haben wir beide eigentlich was davon.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Reich und faul, 3. Oktober 2008
Soziologisches Sachbuch, beißende Gesellschaftssatire oder einfach nur die sonderbaren Gedankenergüsse eines verbitterten Eigenbrötlers? Lange Zeit war sich die Kritik nicht einig, was Thorstein Veblens Theorie der feinen Leute nun eigentlich darstellen soll. Sicher ist, dass das Buch ein Erfolg war: Als Satire fand es zahlreiche amüsierte Leser, als soziologische Untersuchung hatte es großen Einfluss auf die Wissenschaft. Veblens Ausführungen sind zum großen Teil zeitbezogen; der offen zur Schau getragene Müßiggang, wie der Autor ihn um 1900 beobachtete, ist heute eher verpönt. Unter dem Deckmantel des ökonomischen Aktivismus aber lebt die Kaste der Nichts- und Wichtigtuer fröhlich weiter, und deshalb lohnt sich die Lektüre dieses ungewöhnlichen Buches auch noch nach hundert Jahren. Die bissige, polemische Darstellung bereitet so viel Vergnügen wie damals, und auch wenn sich vieles geändert hat, kommen einem manche Typen, die Veblen aufs Korn nimmt, erstaunlich bekannt vor.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein
|