Wirtschaft, Politik, Spiritualität. In meinen Augen berührt "Theorie U" alle drei Bereiche. Für Manager und Berater: In "Theorie U" werden Sie eine fundierte Theorie und einen Leitfaden zur Umsetzung grundlegender Innovationen und einer "Führung von der entstehenden Zukunft her" finden. Gut möglich, dass Sie dieses Buch elektrisiert, weil Sie einen neuen Blick auf die Vorgänge in Ihrer Organisation gewinnen und eine Idee von einer möglichen Zukunft in Ihnen entsteht. Für Politiker/innen und politisch denkende Menschen: "Theorie U" wird Ihnen neue Einsichten vermitteln, wenn Sie die Frage nach grundlegendem Wandel bewegt. Gut möglich, dass Sie dieses Buch aufrüttelt und zu einer neuen Idee von Politik und Ihrer eigenen Rolle führt. Für philosophisch und spirituell interessierte Menschen: Lesen Sie "Theorie U". Gut möglich, dass Sie in diesem Buch so etwas wie den "Missing Link" zu einem westlichen Zugang zu Spiritualität finden.
Über den blinden Fleck zum archimedischen Punkt
"Theorie U" ist ein Grundlagenwerk über "die Feldstruktur unserer Aufmerksamkeit'. Ausgangspunkt ist der "'blinde Fleck"' in unserer individuellen und kollektiven Wahrnehmung. Der 'blinde Fleck' ist der Quellort unserer Aufmerksamkeit und unseres Handelns. Otto Scharmer richtet die Aufmerksamkeit in einer meines Wissens nach nie da gewesenen Systematik und Klarheit auf genau diesen Quellort. Zur Erläuterung benutzt er das Bild des Künstlers. Es gibt drei mögliche Wahrnehmungsperspektiven: Auf das fertige Werk, auf den Prozess des Malens und auf den Künstler vor der leeren Leinwand. Übertragen auf das Management kann die Aufmerksamkeit auf das, was die Führungskraft macht, auf das, wie sie es macht und auf die Quelle des werdenden Handelns gerichtet werden. Die ersten beiden Perspektiven wurden in unzähligen Büchern behandelt. Dagegen liegen "'die inneren Quellen, von denen aus Einzelne oder Gruppen wirksam werden, wenn sie wahrnehmen, kommunizieren und handeln"' weitgehend im Dunkeln. Genau hier ortet Scharmer den "'archimedischen Punkt"': "'In dem Ausmaß, in dem es uns gelingt, unsere Aufmerksamkeitsstruktur und ihre Quelle zu sehen, können wir das System verändern.'"
Vier Feldstrukturen als Schlüssel
Er identifiziert vier verschiedene Feldstrukturen der Aufmerksamkeit und weist deren handlungsbestimmende Relevanz auf allen Ebenen -' individuell, organisational, ökonomisch und global - nach. Diese vier Feldstrukturen sind auf der individuellen Ebene 'Ich-in-mir', 'Ich-im-Es', 'Ich-im-Du' und 'Ich-in-Gegenwärtigung'. Am Beispiel des Zuhörens lässt sich die praktische Relevanz besonders gut erkennen. 'Ich-in-mir' bezeichnet Scharmer auch als 'Downloading' und ist uns allen wohl bekannt. Typisch für diese Art des Zuhörens sind Aussagen wie "'Ist schon klar, weiß ich schon"'. In diesem Modus wird gehört, was die eigenen Denkgewohnheiten bestätigt. 'Ich-im-Es' entspricht dem wissenschaftlichen Vorgehen, der Fokus liegt auf dem, was abweicht von dem, was wir schon kennen und ist ein erster Schritt der Öffnung. 'Ich-im-Du' entsteht in einem empathischen Dialog, der Ort, von dem wir aus wahrnehmen, verschiebt sich: '"Wir wechseln in die Innenwelt eines Lebewesens, eines lebenden Systems und dessen Selbst hinein'". Es ist '"das Zuhören mit dem Herzen"', das uns ermöglicht, uns in andere hineinzuversetzen. Die vierte Feldstruktur ist 'Ich-in-Gegenwärtigung'. Scharmer beschreibt sie im Zusammenhang mit Zuhören als '"schöpferisches Zuhören oder Zuhören aus dem entstehenden Zukunftsfeld"'.
Presencing
Diese vierte und tiefste Feldstruktur bezeichnet Scharmer als "'Presencing', als 'Ankünftigwerden eines zukünftigen Potenzials"'. 'Presencing' meint 'anwesend werden' in einem tiefen und umfassenden Sinn. 'Presencing' geht über die Vergangenheitserfahrung hinaus, es ist eine Öffnung zur Gegenwärtigkeit und der werdenden Zukunft. Mit zahlreichen Beispielen illustriert er den Weg durch die vier Feldstrukturen in unserem denkenden, kommunikativen, organisationalen und globalen Handeln. 'Theorie U' ist einerseits eine fundiert dargelegte Theorie. Gleichzeitig ist es aber auch ein Praxishandbuch für eine Realisierung der '"höchsten Zukunftsmöglichkeit"'. Scharmer selbst schreibt dazu, dass es ihm nicht darum geht "'eine theoretische Übung durchzuführen, sondern eine andere Art zu handeln zu entwickeln".' Detailliert und mit vielen Übungen und Methoden unterlegt zeigt er, wie individuell und kollektiv eine Verschiebung unserer Aufmerksamkeitsstruktur zum 'Presencing zu erreichen ist. Der dabei vollzogene Prozess wird von Scharmer in einer 'U'-Form beschrieben. Auf der linken Seite führt die Öffnung unserer Aufmerksamkeit zum tiefsten Punkt, zur Verbindung mit der Quelle. Von dort aus kann sich aufsteigend Neues kristallisieren, kann in Prototypen erprobt werden und schließlich als Veränderung in die Welt gebracht werden.
Das betrifft jeden Einzelnen. Manager, Berater und Politiker, Männer wie Frauen. Lesenswert!
Rolf Schneidereit, aktionsberatung.de