Dieses Buch sollte für jeden zur Pflichtlektüre erklärt werden, der irgendwie mit Bildung (oder was damit heute gemeint wird) zu tun hat, sei es als Lehrkraft, als SchülerIn/StudentIn oder auch als PolitikerIn. Spritzig, aber wissenschaftlich fundiert wird der bildungspolitische Irrweg beschrieben und angeprangert, der uns von den für die Bildung Verantwortlichen aufoktroyiert wird und der uns zu einer Kultur der Unbildung führt. Was jeder, der über etwas gesunden Menschenverstand verfügt, eigentlich schon weiß, wird hier pointiert aufgezeigt: Dass sich Bildung nicht mit ökonomischen Werkzeugen wie Evaluation, Wirtschaftlichkeit, Rentabilität messen lässt, dass Bildung mehr ist als bloßes "Wissen, wo man nachschlagen muss" und ökonomisch verwertbares "Know-How", dass die Vermittlung von "Kultur" im weitesten Sinne zur Heranbildung eines mündigen Menschen gehört, .....
Es wird auch klar aufgezeigt, wie die Fixierung unserer Bildungsverantwortlichen auf den Rang, den man in der PISA-Studien einnimmt und auf den (die Universitätsausbildung zersetzenden) BOLOGNA-Prozess u.ä. unsere Bildung in den Abgrund führt. Noch nie wurde meines Wissens so klar aufgezeigt, dass Bildung nicht (nur) ökonomischen Gesetzen gehorcht, dass Bildung mehr ist als bloße Vorbereitung aufs Erwerbsleben und dass die aktuelle (Un-)Bildungspolitik eine verheerende Sackgasse darstellt.
Hier noch einige Zitate aus dem Buch, die die Stoßrichtung des Autors aufzeigen sollen:
"Am sinnfälligsten wurde das Ersetzen des Denkens durch das Abzählen einer Rangliste wohl am Beispiel von PISA. (....) Dass beim ersten Test Deutschland, beim zweiten Österreich eher schlecht abschnitten, hat neben einer in Bildungsfragen sonst selten zu beobachtenden kollektiven Depression zu völlig neuen Orientierungen in der Bildungspolitik geführt, mit dem erklärten Ziel, beim nächsten PISA-Test besser abzuschneiden. Anstelle der Bildungsziele der Aufklärung Autonomie, Selbstbewusstsein und die geistige Durchdringung der Welt , anstelle der Bildungsziele der Reformpädagogiken Lebensnähe, soziale Kompetenz und Freude am Lernen , anstelle der Bildungsziele der neoliberalen Schulpolitiker Flexibilität, Mobilität und Beschäftigungsfähigkeit ist ein einziges Bildungsziel getreten: PISA bestehen! Signifikanter zeigt sich Unbildung in keinem Zentrum vermeintlicher Bildung." (Seite 75)
"Auch die im Zuge des BOLOGNA-Prozesses induzierte "Modularisierung" der Studien gehorcht vorab erst einmal einem quantifizierenden und vereinheitlichenden Prinzip: Studien aller Art sollen in Modulen angeboten und absolviert werden können, wobei Module zusammenhängende Einheiten darstellen, die dann wie die Elemente eines Elektronik-Baukastens zusammengefügt und gegebenenfalls ausgetauscht werden können. In der Tat orientiert sich diese Überlegung weder am inneren Aufbau einer Wissenschaft und einer daraus abzuleitenden Didaktik noch an lerntheoretischen Erfordernissen, sondern am Modell eines industriellen Setzkastens, wie ihn etwa ein schwedisches Möbelhaus exzessiv praktiziert. (...) Die ersten Ergebnisse dieser Wissensfabrik sind bereits zu besichtigen: Man fügt einige Basismodule Philosophie und Ethik zu einigen Modulen Betriebswirtschaftskunde und Managementtechniken schon ergibt sich ein wunderbarer Studiengang "Business Ethics"." (Seite 112)
"Den Geisteswissenschaften wurde es zum Verhängnis, dass sie ohne großen materiellen Aufwand betrieben werden können. Wenn die Eintreibung von Drittmitteln zum Qualitätskriterium einer Wissenschaft wird, wird der zum Versager, der solche Mittel gar nicht benötigt, weil ein Kopf zum Denken genügt. Ein kleines geisteswissenschaftliches Institut, das kaum mehr kostet als ein Professor und seine Assistenz, aber nur wenige Absolventen aufzuweisen hat, muss deshalb aus Kostengründen geschlossen werden; die paar hundert Millionen Euro, die für ein schlecht geplantes Technologieinstitut so nebenbei in den Sand gesetzt werden, fallen demgegenüber nicht weiter ins Gewicht." (Seite 125)