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22 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Verzweifelt, treffend, brillant., 21. Januar 2008
Liessmann klärt vor allem die Phrasen, die einer echten Revison der Bildungspolitik den Weg verstellen, weiß dabei jedoch, dass eine Rückbesinnung auf Qualität, Inhalte und Substanz nahezu unmöglich erscheint, da sie der angestrebten Vermarktlichung, Nivellierung und Enteuropäisierung von Bildung, Schule, Universität und Wissenschaft entgegenarbeiten müsste. Wer auf die humanistischen und Humboldtschen Ideale rekurriert, der gilt mittlerweile fatalerweise schon als reaktionär. Insofern stehen seine absolut richtigen Positionen leider auf geschichtspessimistisch verlorenem Posten. Um so dankbarer ist man für die Polemik, mit der analytisch genau und im Wortsinne aufgeklärt gezeigt wird, dass der Kaiser eben nackt ist, den Wirtschaft und Politik als Fortschrittsgröße verkaufen wollen. Nirgendwo fand ich das Desaster so treffend beschrieben.
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19 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Kein Platz mehr für die Muße, 22. September 2008
Liessmann versteht es wie kein anderer mir bekannter Autor, Kritik in sehr scharfem, klaren Ton zu äußern. Theorie der Unbildung beschäftigt sich mit aktuellen Themen und Problemen der Bildungsanstalten. Der große Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt (1767-1835) wird oft zitiert wenn es Liessmann darum geht, Bildung als Erweiterung der geistigen Fähigkeiten zu sehen. Bis vor kurzem galt Bildung als Durchdringung der Welt mit dem Geiste. Dass heutzutage die Lehrer in den Grundschulen aber auch in den Gymnasien eher als Psychologen und Mediatoren für die Schüler da sind, ich hörte sogar die Bezeichnung Edutainer, eine Mischung von Entertainer und Educator, zeigt schon den mangelnden Geist unserer Zeit. Damit man seinen Geist erweitern und bilden kann, braucht man Muße. Diese Muße gibt es heute aber nicht mehr. Es ist sogar verpönt, sich für eine Sache Zeit zu nehmen. Alles muss schnell gehen und man muss das richtige Gespür für die "Marktlücke" bekommen. Heute spricht man von Wissensmanagement. Die Universitäten haben keine selbstdefinierten Ziele mehr sondern richten sich nur mehr nach wirtschaftlichem Gewinn, sie verkaufen sich billig an den Markt und erniedrigen sich dabei selbst. Die Studiendauer wird immer kürzer, man kann ja Master werden (Magister ohne gi). Denken ist sowieso nicht mehr gefragt, jeder Student soll in den Seminaren die gleiche Meinung haben und ein Individualist wie Kant es war, würde heute nicht einmal das erste Semester überstehen. Denn heute muss gereist werden, man muss flexibel sein und möglichst viel publizieren um Professor zu werden. Dass beim Erasmussemester die Partys dann das wichtigste sind oder dass sich Flexibilität so äußert, dass man wegen einer Stunde Arbeit 10 Stunden Auto fahren muss, oder dass man das publiziert, was der Markt einem diktiert, sei dahingestellt. Humanistische Bildung wie Humboldt sie verstand, als Erweiterung des Geistes, als Erziehung zum selbständigen Denken, als Durchdringung der Welt mit eigenen Gedanken ist heute nicht mehr gefragt, ja sogar verpönt. Heute ist kein fundiertes Wissen notwendig um viel zu verdienen oder sich in Gesellschaft zu etablieren. Inhalte sind nicht mehr gefragt, geschweige denn die Beschäftigung mit alten Sprachen wie Altgriechisch. Man wird höchsten ausgelacht oder als altmodisch degradiert. Je mehr Statistiken und Tabellen auf einer Power-Point Präsentation vorhanden sind, desto weniger geht es um die Sache, aber desto mehr Erfolg hat man. Mit diesen und weiteren Themen wie Rankinglisten und die Entwertung von Denken beschäftigt sich dieses Buch. Wie bei der Millionenshow geht es darum zufällig etwas zu wissen. Wissen ist zu einer leeren Hülle geworden. Bezeichnend ist auch der Versuch, Bildung zu standardisieren, damit man überall in Europa in Kurse einsteigen kann, weil ohnehin der gleiche Inhalt besprochen wird. Spätestens beim Sprachen lernen merkt man, wie diese Standardisierung zum Scheitern verurteilt ist. Denn wenn ich an die europäische Stufenskala denke, die zumindest in der Erwachsenenbildung verwendet wird, dann muss ich aus eigener Erfahrung sagen, dass das ganze eine Augenauswischerei ist. Jene die die Stufe A1 z.B. erreicht haben, unterscheiden sich untereinander wie Tag und Nacht. Es gibt beträchtliche individuelle Lernunterschiede. Wenn 20 Leute den gleichen Kurs belegen ist es nicht gesagt, dass alle 20 Personen am Ende den gleichen Stoff beherrschen. Aber heute geht es wirklich nur mehr darum leere, inhaltslose Zertifikate und Zeugnisse zu erstellen. Ob jemand den Inhalt wirklich beherrscht oder nicht, das ist einem jeden egal, hauptsächlich man verkauft sich gut und man fügt sich in diesem übergeordneten System, bestehend aus leeren Phrasen und schönen Frisuren. Ich bin mit Liessmann vollkommen einer Meinung und finde es wirklich schade, dass sich die wenigsten heute Zeit nehmen, ihren Geist, so wie einst die alten Griechen, zu formen, zu vertiefen und zu schulen.
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10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Historischer Standpunkt des Human-Intellektuellen, 16. November 2007
Die gründliche, tiefe, meisterhaft formulierte Darstellung dieser Auffassung stellt einen herausragenden Wert dar: sie wird kaum irgendwo noch ausgesprochen, sie fördert grundlegende Wahrheiten zutage, öffnet auf Vieles die Augen, zwingt einen zum Nachdenken.
Dieser Standpunkt ist aber einseitig, und in ihrer Kompromisslosigkeit ergibt ein vereinfachtes, schwarz-weißes Weltbild.
Für Liessmann, praktisches Wissen gilt nicht als Wissen. Wissen gibt es nur in den Humanbereichen, eventuell auch in abstrakten, ja nicht praktisch anwendbaren, naturwissenschaftlichen oder mathematischen Bereichen obwohl Letztere fügen sich nicht konsequent in Liessmann's System: einerseits gilt für diese die These, dass Wissen immer nach der Wahrheit sucht, andererseits aber können diese nicht als Grundlage einer Bildung sein, da für sie Reflexionen unnötig sind, und weil sie mit Charakter und Weisheit nicht korrelieren.
Das Grundproblem ist der schwarz-weißer, bis ins Extrem vereinfachter, binärer Wissensbegriff. Das Gleiche gilt für die Kritik der Bildungsstätten und Prinzipien: es wird geleugnet, dass auch Realgymnasien oder technische Universitäten Humanistisches vermitteln, wenn auch in bescheidenerem Maße. Liessmann's Hadern mit der Enthierarchisierung des Wissens gehört auch in diese Problemreihe: es fußt auf der veralteten Hierarchie, andeutungsweise: Handwerk Ingenieurwesen Naturwissenschaftlichen Humanwissenschaften Kunst. Als alleinstehender Turm statt einer Gruppe von in ihrer Basis überlappenden ähnlich hohen Pyramiden Symbolen fürs Prinzip Alles kann man gut oder schlecht machen.
Sehr sympathisch ist Liessmann's Kampf für die individuelle Meinungs- und Entfaltungsfreiheit. Verschlossen in die Klöster der technischen Bildung, Forschung und Entwicklung, merkt man kaum mit welcher Vehemenz Politik und Ideologien in human-wissenschaftlichen Bereichen Forschung und Meinungsfreiheit durch ausgefeilte Steuerungsmechanismen einschränken. Mit Liessmann's Worten: ...nach wie vor erscheinen die erkenntnisleitenden ökonomischen und politischen Steuerungsmechanismen nur allzu gerne unter dem Deckmantel der Moral. Gerade im Gebiet der Human- und Sozialwissenschaften markiert die Moral in nahezu klassischer Manier die Verbotszonen des Wissens. Unbefangen etwa über Fragen der Ethnizität, Geschlechtlichkeit, Probleme der Migration oder die Geschichte des 20. Jahrhunderts zu forschen, ist nahezu unmöglich geworden die von der politischen Moral diktierten Forschungsergebnisse stehen in der Regel vorab schon fest. (S. 148)
Seine Kritik an Leichtsinn und Oberflächlichkeit der stetigen Reformen im Bildungswesen ist bitter humorvoll und überzeugend.
Ich bin Prof. Liessmann sehr dankbar für dieses Buch.
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