Niklas Luhmann gilt in der Soziologie als einer der herausragendsten Theoretiker der letzten Jahrzehnte. Seine Systemtheorie arbeitet mit einem hochabstrakten Begriffsinstrumentarium, das zwar gewöhnungsbedürftig, dafür aber für Analysen und Vergleiche von sehr unterschiedlichen sozialen Sachverhalten besonders geeignet ist. Die Ergebnisse und Einsichten, die systemtheoretische Analysen vor allem auf dem Feld der Gesellschaftstheorie anbieten, sind entsprechend überraschend, unorthodox und für Nachbardisziplinen eher schwerverdaulich. So auch für die Politikwissenschaft. Diese geht, gewissermaßen selbstverständlich, davon aus, dass Politik Zentrum und Steuerinstanz der Gesellschaft sei. In Luhmanns Gesellschaftstheorie ist Politik dem entgegen ein Funktionssystem, das „gleichberechtigt" neben anderen steht, wie Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Religion. Diese Funktionssysteme operieren geschlossen und eigendynamisch, so dass sie sich von außen nicht einfach und gezielt steuern lassen.
Der Ausgangspunkt für den von Kai-Uwe Hellmann und Rainer Schmalz-Bruns herausgegebenen Sammelband war eine Konferenz, die sich der Frage widmete, wie sich Luhmanns Arbeiten zur politischen Soziologie für die weitere Forschung ertragreich nutzen lassen.
Die einzelnen Aufsätze widmen sich unterschiedlichen Thematiken, die von der Funktion des Politischen, Inklusion in die Gesellschaft, Parteien, Öffentlichkeit, Demokratietheorie über politischer Gesellschaftssteuerung zu Weltgesellschaft reichen und (leider) auch von unterschiedlicher Qualität sind. Positiv stechen vor allem die Texte von Kai-Uwe Hellmann, Stefan Lange und Armin Nassehi heraus. Man sollte übrigens nicht glauben, dass man es in diesem Band nur mit Luhmann-Anhängern zu tun hätte. Besonders kritisch zeigt sich etwa Klaus von Beymes Beitrag.
Die Autoren stammen ausschließlich entweder dem Lager der Politikwissenschaft oder dem der Soziologie.
Für die Texte hat das bestimmte Konsequenzen: idealtypisch geht es entweder um Weiterentwicklungen von Luhmanns Theorie für die Soziologie oder um Rezeptionsmöglichkeiten in der Politikwissenschaft. Es wundert daher nicht großartig, dass man schon nach wenigen Seiten schließen kann, ob der jeweilige Autor nun Politologe oder Soziologe ist, wenn man ihn nicht ohnehin schon als Vertreter seines jeweiligen Faches kennt.
Der Sammelband dreht sich um die Hauptfrage, was nun eine systemtheoretische Betrachtung des politischen Systems für das Selbstverständnis der Politikwissenschaft bieten kann. Herausgeber Hellmann erinnert dazu an Luhmanns Geschichte vom zwölften Kamel: Ein reicher Mann stirbt und vermacht seinen drei Söhnen seine Kamelherde gemäß einer Formel, nach der der erstgeborene Sohn die Hälfte, der Zweite ein Viertel und der Dritte ein Sechstel der Kamele bekommen sollte. Zum Todeszeitpunkt sind genau 11 Tiere vorhanden, und als der erstgeborene Sohn davon sechs (und damit mehr als die Hälfte) einfordert, kommt es zum Streit. Ein Richter muss nun den Fall lösen und stellt eines seiner Tiere zur Verfügung. Die Verteilung ist nun kein Problem mehr: der Älteste bekommt die Hälfte (=6), der Zweitälteste ein Viertel (=3) und der Jüngste ein Sechstel (=2). Die elf Kamele des Vaters sind nun gemäß Testament korrekt verteilt und das geliehene 12. Kamel kann an den Richter zurückgegeben werden. Es ist damit nötig und unnötig zugleich: zur Verteilung wird es gebraucht, aber es steht aber selbst nicht zur Verhandlung. Diese Rolle des zwölften Kamels übernimmt nun nach Luhmann bzw. Hellmann auch eine systemtheoretische Soziologie der Politik, die ebenso nötig wie unnötig ist: Nötig ist sie, da sie der Politikwissenschaft Hilfe zur Selbstreflexion bieten kann. Unnötig ist sie aber, weil sie damit eine Transformation von Politikwissenschaft zu einer politischen Soziologie forcieren würde, und das wäre für erstere unannehmbar.
Alles in allem ist das Buch von Hellmann und Schmalz-Bruns sehr lesenswert, denn man bekommt einen vielseitigen Einblick nicht nur in die politische Soziologie Luhmanns (vor allem Dank Hellmanns Einleitung), sondern auch in die Anschlussmöglichkeiten und offenen Baustellen in der Soziologie gleichermaßen wie in der Politologie. Einen Kritikpunkt möchte ich aber nicht unerwähnt lassen: abgesehen von den kurzen Anmerkungen Rudolf Stichwehs zum Zusammenhang von Politik und Weltgesellschaft behandelt kein Aufsatz in diesem Buch den Themenkomplex der internationalen Politik. Aber vielleicht liegt das ja an der weitgehenden Abstinenz dieses Themas in Luhmanns Werk.