Was haben Arte und Sinead O'Connor gemeinsam? Was dem einen sein Themenabend, ist der anderen ihr Themenalbum. Und wo es langgeht, verrät der Titel kurz und bündig und geradeheraus: "Theology". Erbauliches von der Papstfotozerreißerin. Und wie der liebe Gott einst Abraham prüfte, prüft O'Connor hier ihre altgedienten Fans (als solchen würde ich mich bezeichnen, halte ich doch seit ihrem Debüt zur Stange). Doch was bei Arte klappt, wird bei ihr schnell langweilig. Es bleibt dabei: die EP "Gospel Oak" war das letzte Qualitäts-Studioalbum der Irin, und das ist zehn Jahre alt!
Textlich werden mit teils biblischen Metaphern die Weinberge des Herrn beackert, was okay ist, doch musikalisch ist das Album bis auf zwei oder drei Ausnahmen (z. B. "Watcher of Men" und "Whomsoever Dwells" von der Londoner Session) kaum aufregender als die Geschlechtstafeln im 1. Buch Mose. Und das kann unabhängig davon konstatiert werden, ob man christliches Missionieren nun toll findet oder nicht: O'Connor hat ihr Talent für außergewöhnliche Songs verloren. Ihrer Musik fehlt die Inspiration.
Angenehm fiel mir jedoch auf, dass O'Connors Stimme an den Jahren gereift ist. Aber warum muss es gleich ein Doppelalbum sein? Warum muss neuerdings alles auf CD gepresst werden, was gerade eben so da ist? Warum erfolgt keine Selektion, die das Album in jedem Falle dichter gemacht hätte? So hat man also (wieder) nahezu alle Songs des Albums zweimal (sogar fast in derselben Reihenfolge), einmal nur mit Gitarre (spartanischer, aber alles in allem interessanter), einmal mit kleiner Combo (sog. London Session).
Wie Mose einst das Meer trennte, wird O'Connor mit diesem Album einmal mehr ihre Fans spalten. Ich jedenfalls finde, "Theology" ist bestenfalls ideal für Leute, die nächstens mal wieder auf eine Rüstzeit fahren und beim Lagerfeuer was Neues zur Gitarre singen wollen. Alle anderen sollten vor einem Kauf unbedingt in das Album reinhören. Denn die Zeiten, in denen O'Connor musikalisch übers Wasser wandeln konnte, sind perdu. Die Luft ist raus, O'Connor hat sich tatsächlich wie vor Jahren angekündigt von der Musikwelt verabschiedet, und hier wird deutlich, was sie damals meinte.