Wer einen biblischen Begriff etwas näher ergründen will und nach mehr als den unterschiedlichen Übersetzungsmöglichkeiten fragt, kommt mit einem Wörterbuch naturgemäß schnell an dessen Grenzen und benötigt ein Begriffslexikon. In der deutschsprachigen Literatur zum Neuen Testament gibt es dafür nur drei Alternativen: das unhandliche und großenteils veraltete, von Bultmannschülern dominierte ThWNT, das kleinere, in dessen Tradition stehende EWNT sowie das hier besprochene TBLNT. Das 1967-1971 erstmals erschienene Werk wurde 1996-2002 gründlich überarbeitet und nun in einer noch einmal deutlich günstigeren "Studienausgabe" erneut aufgelegt.
Das Begriffslexikon ist erkennbar darauf angelegt, die Botschaft des Neuen Testaments verständlich in die Gegenwart zu tragen. So sind die gut 2500 behandelten Begriffe (etwa die Hälfte des Wortschatzes des Neuen Testaments) nicht etwa alphabetisch geordnet, sondern ihrer Bedeutung nach unter deutschen Leitwörtern wie "alt/neu/jung", "denken/Vernunft" oder "Wort/Sprache" zusammengestellt. Hier werden nun jeweils alle Wörter eines Wortstammes in einem gemeinsamen Artikel behandelt. So kann ein einzelnes Wort von seinem ganzen Bedeutungsumfeld, seinen Synonymen und seinen Gegensätzen her studiert werden. Die Stärke dieser Anordnung wird dort sichtbar, wo durch eine solcheynchrone Betrachtung der Verben pheitomai (gehorchen, glauben) und pisteuw (glauben, vertrauen) die Zusammenhänge zwischen Glaube und Gehorsam deutlicher werden können (vgl. 781-798, bes. 796-798).
Die Artikel sind in je drei bzw. vier Abschnitte unterteilt. Zunächst werden knapp und präzise die Bedeutungen im profanen und vorchristlich-religiösen Griechisch beschrieben. Ein zweiter Abschnitt stellt recht ausführlich die Verwendung der vergleichbaren hebräischen Wörter im Alten Testament dar. Auch die Zeit des frühen Judentums (Qumran, Josephus, Philo) wird mit vielen Textbelegen berücksichtigt. Die unüberschaubare Fülle der außerbiblischen Belege und religionsgeschichtlichen Vergleiche wird also (im Gegensatz zum ThWNT) bewusst - und mit Recht - nicht erfasst. Dafür wird umso deutlicher, welche Bedeutung der jüdische Hintergrund für den christlichen Glauben hat.
Der dritte und längste Abschnitt schließlich behandelt die jeweilige Verwendung der Wörter bei Jesus bzw. bei den Synoptikern, bei Paulus, im johannäischen Werk usw. Erfreulicherweise führt diese diachrone Betrachtungsweise nicht zu der sonst häufigen Tendenz, unterschiedliche Aussagen gegeneinander zu lesen; sie werden vielmehr in ihrem je eigenen Profil akzentuiert und spiegeln so die verschiedenen, sich gegenseitig ergänzenden Ausprägungen des Evangeliums wider.
Die wissenschaftlich sehr hochwertigen Artikel zu den Namen und Titeln Jesu Christi, die meist von Klaus Haacker und Otto Michel stammen und insgesamt über 50 Seiten umfassen (vgl. 1046-1102), verdeutlichen, wie seine Person auch insgesamt als Mitte des Neuen Testamentes verstanden wird. Allein hier kommt das Lexikon an seine Grenzen, wenn die Artikel sich in unerheblichen literarkritischen Spekulationen oder in der unübersichtlichen Forschungsgeschichte des 20. Jahrhunderts verlieren.
Den wichtigsten Wortgruppen (leider nur etwa die Hälfte) wird ein abschließender Abschnitt mit "hermeneutischen Überlegungen" hinzugefügt, wie die Begriffe in der Gegenwart wiedergegeben werden können. Deutsche Übersetzungen und ein Blick in die Theologiegeschichte helfen dabei, die eigene christliche Sprache besser zu verstehen und Missverständnisse zu vermeiden. Die durchweg anschaulichen und prägnanten Texte gehen teilweise in richtiggehend verkündigenden Stil über; so gibt z. B. Heinzpeter Hempelmann zum Thema "Schuld/Sühne" wertvolle Impulse für Verkündigung und Seelsorge, auf die man nicht unbedingt von selbst gekommen wäre (vgl. 1608-1611). Teilweise geben die hermeneutischen Überlegungen allerdings auch bedenklich einseitige Richtungen vor, wie z. B. Axel Denecke in seinen Ausführungen zu "Gebot/Gesetz" den usus elenchticus legis - deutlich gegen den exegetischen Befund - stillschweigend eliminiert (vgl. 644).
Das insgesamt durchaus gelungene Konzept wird zusätzlich unterstützt durch zahlreiche Querverweise im Fließtext und ausführliche Register aller behandelten griechischen, hebräischen und deutschen Wörter im Anhang. Wertvoll ist für das konkrete Bibelstudium auch das Register der kommentierten Bibelstellen. Alle griechischen Wörter werden benutzerfreundlich in Klammern auch in Umschrift wiedergegeben - alle hebräischen Wörter dagegen leider nur in Umschrift (außer hinten im Register), so dass sie beim Lesen stolpernd-buchstabierend aus der transkribierten Version rekonstruiert werden müssen.
Um die mehr als 2100 Seiten in einem Band unterbringen zu können, sind sie auf ein Papier gedruckt, das etwa so dünn ist wie das in herkömmlichen Bibelausgaben - für ein Buch von diesem Format fast zu dünn. Das Schriftbild dagegen ist hervorragend gelungen, die Artikel sind übersichtlich gegliedert und schnell zu finden. Auch die weniger zentralen Abschnitte, die in einer etwas kleineren Schriftgröße gedruckt sind, sind angenehm zu lesen.
Für die Studienausgabe 2010 wurde eine große Anzahl aktueller Literatur hinzugefügt. Die Artikel sind bereits 2002 in beachtlichem Umfang an den aktuellen Stand der Forschung angepasst worden und verständlicherweise nicht schon wieder überarbeitet worden. Das Mitarbeiterverzeichnis jedoch ebenfalls einfach auf diesem Stand zu belassen, ist eher als nachlässig bezeichnen.
Das TBLNT stellt ein hervorragendes Hilfsmittel beim Studium des Neuen Testamentes dar, das auch mit geringen Griechischkenntnissen gewinnbringend benutzt werden kann. Es ersetzt die eigene Bibellektüre nicht, sondern führt gerade in sie hinein. Wer also beim Bibelstudium auch einmal andere Nachschlagewerke zu Hilfe nimmt, dem sei das Begriffslexikon ausdrücklich zur eigenen Anschaffung empfohlen.
Helge Dirks, ichthys 28 (2012), 137-138