"Theologie aus Leidenschaft" - nach dröger, abstrakter Theorie klingt dies nicht. Von vornherein zu beachten ist deshalb der praktische Anlass des vorliegenden Buches: Heinzpeter Hempelmann - jüngst mit einem ähnlich profilierten Beitrag vertreten im Aufsatzband "Der E-Faktor. Evangelikale und die Kirche der Zukunft" - legt ein Werk vor, das zugleich die denkerischen Prämissen der drei theologischen Ausbildungsstätten Chrischona (Basel), Tabor (Marburg) und Liebenzell (Bad Liebenzell) umreißt (7), Rechenschaft über deren Theologiebegriff ablegt (8) - und somit gar eine Art Manifest darstellt (51). Ein Vortrag von 1997 fungiert dabei als Grundlage.
Was bereits der Klappentext andeutet, führt Hempelmann im Vorwort näher aus: "'Drehmoment'" seiner Ausführungen sei es, "zu fragen, wie das zusammengehört, ja darum zu ringen, dass das zusammengehört:
persönlicher Glaube und Wissenschaft,
geistliches Leben und abstrakte Theorie,
Kanzel und Katheder,
Herz und Hirn" (7).
Diese anspruchsvolle Zielsetzung impliziert notwendigerweise ein Defizit. Dieses verortet der Autor zunächst im universitären Umfeld: "Vertreter einer unfrommen und darin ihre Wissenschaftlichkeit identifizierenden akademischen Theologie an deutschen akademischen Fakultäten" (7) macht er verantwortlich für eine fatale Trennung von "Existenz als homo spiritualis hier und homo scientalis dort" (45). Bei dieser Abgrenzung - in evangelikalen Kreisen oft einseitig vorgenommen! - bleibt es jedoch nicht: Auch in der Gleichsetzung von Bildungs- und Vernunftfeindlichkeit mit Frömmigkeit - typisch für viele neupietistische Strömungen - sieht der Autor eine erhebliche Gefahr (7). Dies wird besonders deutlich, wenn die Einleitung des Buches (Teil A: "Herausforderungen - Der Sitz im Leben unserer Theologie", 11-17) vorrangig die aktuelle, u.a. durch die Postmoderne geprägte Situation der Gemeinschaften beschreibt und dabei auch Schwächen klar anspricht. Insbesondere Abschnitt c) - "Anforderungsprofil und Defizite" (15-17) - macht dabei einen erfrischend selbstkritischen Eindruck. Hempelmann wird hier zum leidenschaftlichen Theologen, der die markante Phrase "'Jesus lieb haben ist besser als alle Theologie'" (17) scharf verurteilt.
Der Titel des Werkes wird somit Programm. "Theologie aus Leidenschaft" geschehe dort, wo "Frömmigkeit und Wissenschaft zur Einheit finden".
Eine utopische Idee? Ein Ideal, dem es sich mühsam anzunähern gilt? - Durchaus nicht: "Persönlicher Glaube und theologische, wissenschaftlich verantwortete Arbeit" stellen nach Hempelmann "von vornherein eine Einheit dar" (45). Konkret vor Augen ist Hempelmann eine "beschlagnahmte und in Beschlag nehmende, gebundene und bindende, hörende und gehorchende, aus dem Lob Gottes kommende und zum Lobpreis hinführende, von der Liebe Gottes getragene und nun andere tragende, von sich weg weisende und auf Christus weisende, von Gott erkannte und nun Gott im eigenen Leben und der Wirklichkeit dieser Welt erkennende Theologie" (8). Deutlich zum Ausdruck kommt hier die dialektische Tradition im Gefolge Karl Barths: Theologie ist nichts anders als ein Nach-Denken der vorauslaufenden Gnade Gottes.
Der Gebrauch solcher (und ähnlicher) Phrasen mag inflationär sein. Ein echter Höhepunkt ist aber die exegetische Verankerung in einem oft überlesenen Paulus-Satz: Die Passage Gal 4,9 - "Nachdem ihr aber Gott erkannt habt, ja vielmehr von Gott erkannt seid, ..." (Luther 1984) - wird nun zur biblischen Ermöglichung eines wissenschaftlichen Dreischritts, den Hempelmann folgendermaßen beschreibt: "Theologie beginnt nicht mit sich selbst, sie ist
(1) Erkanntwerden, Erkanntwordensein von Gott; sie ist erst dann
(2) Gotteserkenntnis. Aus diesem eigenen Gott Erkennen resultiert dann erst die
(3) Anleitung anderer zur Gotteserkenntnis: das Reden davon, wie Gott zum Autor unserer Lebensgeschichte geworden ist" (20).
Diese Reihenfolge wird in drei Unterabschnitten entfaltet. Immer wieder finden sich Spitzensätze - etwa, wenn Hempelmann Theologie als sola gratia praeveniente und somit per se als theologia regenitorum bezeichnet (25), oder wenn ausdrücklich am Erkenntnisanspruch der Theologie festgehalten wird, was wiederum eine klare Position des Erkenntnissubjektes (also des jeweiligen Theologen) erfordere (35). Die Schlusspassage orientiert sich an 1 Kor 13,13 und umreißt die Anleitung zur Gotteserkenntnis anderer mit den Stichworten Glaube, Liebe, Hoffnung (44-48). Diese hier nur kurz umrissene, im Buch sehr detaillierte Exegese entspricht dem Hauptkapitel (Teil B: "Perspektiven - Theologische Zukunft gewinnen", 19-48).
Hempelmann schließt mit Teil C (49f) - und zehn Thesen zu einer "gestörte[n], in ihrem 'Schlaf', in ihrer Ruhe, in ihrer Selbstzufriedenheit und Selbstverliebtheit gestörte[n] Theologie" (49). Spätestens diese kompakte Bündelung macht das Buch zu einer außerordentlich gelungenen Darstellung.
Insbesondere Studienanfängern dürfte das Buch eine Fülle von hilfreichen Denkanstößen mit auf den Weg geben. Die knappen Zusammenfassungen bilden eine hervorragende Argumentationshilfe für entsprechende Diskussionen - und ermutigen, sich auf solche einzulassen. Hempelmanns Stil ist stringent und im Aufbau klar verständlich. Allein die These zur Theorie eines "intelligenten Designers" (41) scheint mir fehlplatziert, betont sie doch m.E. nur falsch formulierte Fronten im immerwährenden Streit um die Entstehung der Welt. Bleibt noch zu sagen, dass sich die Lektüre rasch bewerkstelligen lässt - eine längere Bahnfahrt reichte im vorliegenden Fall. Auch der erschwingliche Preis (6,95 EUR) ist geradezu ein Argument für die Anschaffung.
Daniel Schlunk
Ichthys 42 (2006), 102f