Mit Hesiod und Homer beginnt die abendländische Schriftkultur. Das Schaffen beider Künstler wird auf das Ende des achten und den Beginn des siebten vorchristlichen Jahrhunderts datiert. Nachdem die Kreter im zweiten vorchristlichen Jahrtausend die Schrift für die Griechen entdeckten, waren es die Phöniziern, die zu eben jener Zeit ein zweites Mal die Schrift den Griechen brachten. "Dass beide Dichter von der mündlichen Dichtung hergekommen sind und deren Techniken zeitlebens beherrscht haben, ist unbestritten", schreibt Ernst Günther Schmidt. Er weist in seiner Einführung auf die zahlreichen Parallelen in den Werken von Homer und Hesiod hin. Beide schrieben in einem ionischen Dialekt der in Kleinasien beheimatet war. Hesiods Vater stammte aus dieser Gegend, Hesiods selbst wuchs in Böotien auf. Beide Dichter wählten das Epos und verwendeten als Versmaß den Hexameter. Homers Gesänge machten aus dem furchtlosen Achill und dem listigen Odysseus unsterblichen Helden, während Hesiod den unsterblichen Göttern zuweilen menschliche Züge andichtete.
Hesiod hinterließ der Nachwelt zwei Werke. Die ,Theogonie' erzählt von der Götterwelt, ,Tage und Werke' ist ein Lehrepos, das die Welt des kleinen Mannes beschreibt und Ratschläge erteilt.
Die Theogonie schöpft aus alten Mythen und Erzählungen. Zwei konkurrierende Strömungen trafen im europäischen Raum aufeinander. In der hebräischen und später in der christlichen Schrift lesen wir von einem einzigen Schöpfergott, der Himmel und Erde in einem Akt erschaffen hat. Andere Berichte sehen mehrere Personen an der Schöpfung beteiligt und der Prozess zieht sich über einen längeren Zeitraum hin. Hesiod übernimmt die letztere Darstellung.
Die Theogonie setzt sich aus einem Proömium, einer Beschreibung des göttlichen Stammbaums und einer Schilderung der Kämpfe um den göttlichen Thron zusammen. Sowohl die Theogonie als auch Werke und Tage beginnen mit einem Anruf der Musen, ein Stilelement, das von späteren Dichtergenerationen (z.B. Parmenides, Lukrez) gerne übernommen wurde: "Wen sie ehren, die Töchter des Zeus ... ihm fließen süß wie Honig die Worte vom Mund".
"Wahrlich, als erstes ist Chaos entstanden, doch wenig nur später Gaia ... Chaos gebar das Reich der Finsternis: Erebos und die schwarze Nacht, und diese das Himmelblau und den hellen Tag." Den Mythos vom ursprünglichen Chaos treffen wir im Johannes Evangelium wieder. Die Vorstellung, dass die Nacht den Tag schuf, verwendete Goethe im Faust. Uranos, der Himmel, zeugte mit Gaia, der Erde, Kronos. Dieser entmannte seinen Vater und nahm seine Stelle ein. Rheia und Kronos hatten mehrere Kinder, eines davon war Zeus. Auch Zeus entmachtete seinen Vater und nahm seinen Thron ein. Hesiod beschreibt auch den Kampf der Götter, angeführt von Zeus, gegen die Titanen und den endgültigen Sieg des "großen, allmächtigen Herrschers".
Nur einem gelang es den Allwissenden zu täuschen: Prometheus, des Japetos Sohn, stahl in einem Rohr das Feuer und brachte es zu den Menschen. Als Strafe wurde er an den Kaukasus geschmiedet und ein Adler fraß im tagsüber die Leber, die nachts wieder nachwuchs. Doch Zeus Rachedurst war noch nicht gestillt. Hephaistos, der Schmied, "formte aus Erde ... das Bild einer würdigen Jungfrau ... Ganz genauso schuf den sterblichen Männern zum Unheil Donnerer Zeus die Frauen, einander verschworen zu bösen Taten, und schickte den Menschen noch anderes Übel für Gutes". Der Name der Schönen, die einen "hündischen Sinn und diebisches Wesen" besitzt, ist Pandora. Als sie ihre Büchse öffnet, kommt das Verderben über die Menschheit: "Früher nämlich lebten auf Erden die Stämme der Menschen weit von den Übeln entfernt und ohne drückende Plage ... aber die Frau entfernte den großen Deckel des Kruges, leerte ihn aus und sann den Menschen schmerzliche Leiden". Wir entdecken Parallelen zum Verlust des Paradieses, wie sie in der Bibel geschrieben stehen.
Hesiod hat eine ungewöhnliche Methode, um die Entfernung zwischen Himmel und Erde zu messen: "Denn neun Tage und Nächte fällt ein eherner Amboss, bis er am zehnten Tag vom Himmel zur Erde herabkommt". Ebenso lange benötigt das schwere Metall, um von der Erde bis zur Unterwelt, dem Tartaros, zu gelangen. Hades und Persephoneia bewohnen ihn, bewacht wird er vom "furchtbaren Hund" Kerberos. "Dort haust auch, den unsterblichen Göttern verhasst, eine Göttin, die entsetzliche Styx, des Ringstroms Okeanos erste Tochter". Der Sage nach gebar Tethys dem Okeanos, der die Erde umströmt, 3000 Söhne, die als Flüsse die Erde benetzen und ebenso viele Töchter, die Okeaninen. "Auch die Kinder der finsteren Nacht sind hierorts zuhause, Schlaf und Tod". Robespierre wird das Wort Hesiods aufgreifen und den Schlaf als den Bruder des Todes bezeichnen.
Schmidt gliedert Hesiods ,Werke und Tage' in drei Teile. Im ersten Teil werden zwei Gründe genannt, warum das menschliche Leben so mühevoll ist. Der Feuerraub des Prometheus und die göttliche Strafe wurden schon erwähnt. Hinzu kommt, dass die Götter von Generation zu Generation, die Lebensbedingungen erschweren. Hesiod teilt die Menschheit in fünf Geschlechter ein, das goldene, das silberne, das erzene, ein Zeitalter der Halbgötter und das eiserne Zeitalter, dem er selbst angehört. Seneca beschwört in der Apocolocyntosis das Zeitalter des Nero als neues goldenes Zeitalter herauf.
Die Vorteile tugendhaften Handelns und die Nachteile böser Taten erläutert Hesiod im zweiten Teil. Konkreter Anlass mag ein Erbstreit zwischen Hesiod und seinem Bruder Perses gewesen sein, von dem er zu Beginn des Werkes berichtet. "Alles erblickt das Auge des Zeus, und alles bemerkt es ... aber den Menschen gab er das Recht bei weitem das beste Gut". Der Mensch weiß also um gut und böse und wird seiner gerechten Strafe nicht entkommen: "Selbst bereitet sich Schlimmes, wer anderen Schlimmes bereitet." Hesiod lebte in einer Zeit, in der rauben und morden an der Tagesordnung war, deshalb ermahnt er seine Landsleute zu tugendhaftem Verhalten: "Schau, das Schlechte, du kannst es haufenweise gewinnen, leicht; denn glatt ist der Weg und immer liegt es so nahe! Doch vor das Gutsein haben den Schweiß die unsterblichen Götter dir gesetzt, und lang ist und steil der Pfad, der hinaufführt".
Der dritte Teil gibt praktische Ratschläge und schließt mit einem Kalender für das bäuerliche Leben.
Fazit: Ein unentbehrlicher Führer durch den göttlichen Stammbaum, gut kommentiert und glänzend eingeleitet von Ernst Günther Schmidt. Empfehlenswert.