Wer Hillerman bisher vor allem als Verfasser von Krimis kennen und schätzen gelernt hat, deren Handlung ohne die Kultur der Navajos und anderer Stämme des amerikanischen Südwestens nicht denkbar wäre, lernt hier eine andere, philosophische, nicht minder lesenswerte Facette seines Werks kennen. Wie alle späteren Hillerman-Krimis steht nämlich auch in "Die Spur des Adlers" die Kultur der Navajo und der verschiedenen Pueblos nicht mehr so im Vordergrund (begonnen hat dieses Phänomen mit "Tod am heiligen Berg" -- bzw. mit Leaphorns Pensionierung. Zufall? -- "Von wegen!", würde Leaphorn sagen). Dass dieser Krimi in einem "weißeren" Milieu angesiedelt ist als seine Vorgänger, ändert aber nichts an seiner Klasse. Hillerman nimmt sich hier die grundlegende Frage menschlicher Ethik zum Thema: den schmalen Grat zwischen Gut und Böse. Philosophie in Whodunnit-Form, wenn man so will.
Aber bei aller Philosophie hat "Die Spur des Adlers" natürlich auch einen Plot: Jim Chee findet seinen Kollegen Ben Kinsman erschlagen vor; neben dem Sterbenden kniet der junge Hopi Robert Jano. Der Fall scheint klar. Etwa zur selben Zeit wird Joe Leaphorn als Privatdetektiv engagiert; er soll den Aufenthaltsort der seit Tagen spurlos verschwundenen Mikrobiologin Catherine Pollard herausfinden. Ihre letzte Spur führt haargenau in jenen ganz besonders einsamen Flecken des Reservats, wo auch Kinsman ermordet wurde -- und zwar am selben Tag. Wie man weiß, glaubt Leaphorn an nichts, und an Zufälle schon gar nicht.
Dies alles spielt sich ab, während auf dem Terrain des Navajo-Reservats ein neuer, penicillinreistenter Pestbazillus gefunden wird; die verschollene Mrs. Pollard war in diesem Zusammenhang unterwegs, aber was sie genau vorhatte, wissen auch ihre Kollegen nicht.
Während Leaphorn nun seine legendäre Landkarte studiert, sich umhört und eigenartige Geschichten über neue Hexer zu hören bekommt, setzt die Anwältin Jante Pete ihrem früheren Freund Jim Chee zu. Sie verteidigt Robert Jano und glaubt an dessen Unschuld -- immerhin droht ihm die Todesstrafe. Es gibt sogar einen Entlastungszeugen, der sich aber seiner "Befragung" energisch widersetzt (u.a. durch Beißen eines Polizisten) und deswegen in einen Käfig gesperrt wird -- kein Wunder: Es handelt sich um einen Adler...
Wie Leaphorn (und mit ihm der Leser) vermutet, hängen die beiden Fälle zusammen, und Chee und Leaphorn knüpfen die losen Enden des Falles allmählich zusammen. Was aber die Klasse dieses Krimis ausmacht, das ist nicht nur der intelligente Plot, in dem die beiden Cops sich diesmal mit Kompliziertheiten aller Art herumschlagen müssen: ausufernde wissenschaftliche Erläuterungen von Mikrobiologen; das nicht minder komplizierte Verhältnis zwischen Chee und Janet Pete, das durch ihre beiden beruflichen Positionen in diesem Fall nicht einfacher wird; die Intrigen des FBI; und Leaphorns und Louise Bourebonettes Beziehung ist auch nicht ohne...
Was diesen Krimi jedoch unverwechselbar macht, das sind gekonnte, stimmungsvolle Naturschilderungen, wie man sie anderswo selten findet. Auch wenn das Buch grad noch so spannend sein sollte: Man sollte sich Zeit nehmen für diese Passagen, sie sind es wert. Und dann gibt es auch hier wieder, wie meist bei Hillerman, wunderbar skurrile Figuren; diesmal lernen die Leser u.a. die Sekretärin der Navajo Tribal Police in Tuba City näher kennen. Hillermans Claire Dineyahze kann man durchaus als Navajo-Version von Sjöwall/Wahlöös Lennart Kollberg betrachten.
Wenn Kultur und Überlieferungen der Navajos und Hopis keinen allzu großen Raum einnehmen, so spielt die Gegenwart eine umso größere Rolle: Religiöse und kulturelle Eigenheiten und Kodices werden von einflussreichen Weißen kaum berücksichtigt, und ein Indianer hat allemal größere "Chancen" auf die Todesstrafe als ein Weißer, der dasselbe getan hat. Gleichzeitig nimmt Hillerman aber auch das Klischee vom Naturvolk aufs Korn -- auch eine alte Indianerin, die zeit ihres Lebens vor allem Schafe gehütet hat, kann durchaus einen Skinwalker, einen bösen Geist also, von einem Mikrobiologen in Schutzkleidung unterscheiden.
Wer den Krimi genau liest, stellt am Ende fest, dass hier die verschiedenen Kulturen sehr wohl eine wichtige, eine prinzipielle Rolle spielen: Wie gesagt, geht es hier um die Grenze zwischen Gut und Böse -- und um die Frage, wes Geistes Kind einer sein muss, der diese Grenze aus Hybris überschätzt. Die beiden Pole, zwischen denen sich das ganze Spektrum entfaltet, haben diesmal Namen: Den des alten Frank Sam Nakai auf der einen Seite, und auf der anderen Seite den des Täters.