Mit "Theodor Heuss. Bürger im Zeitalter der Extreme" liegt nun ein wissenschaftlich fundiertes, sich nicht im Anekdotischen verlierendes Lebensportrait des ersten Bundespräsidenten vor. Ernst Wolfgang Beckers kleine Biographie überzeugt damit, Erzählung gekonnt mit klarer Analyse zu verbinden.
Die Menschen, denen Theodor Heuss ein Begriff ist, verbinden mit ihm oft das Bild eines professoralen, dennoch volksnahen, Zigarre rauchenden, schwäbisch-humorvollen Landesvaters im besten Sinne. Woher Heuss kommt, welcher Weg ihn in das höchste Staatsamt führte, ist meist wenig bekannt. Nun legt Ernst Wolfgang Becker eine Biographie vor, die dem komplexen und interessanten Lebensweg von Theodor Heuss gerecht wird. Verdienstvollerweise bietet das schmale Bändchen aber nicht nur additive Lebensnacherzählung, sondern setzt sich analytisch und kritisch mit dem Denken und Wirken Heuss' auseinander. Dabei bleibt Becker dem eigenen Anspruch treu, hier "keine einfachen Identifikationsangebote" zu liefern: Also keine Glorifizierung von Heuss als stets aufrechtem Demokraten, kein Heuss als Säulenheiliger des Liberalismus. Aber der erste Bundespräsident soll hier auch nicht bloß von irgendwelchen Sockeln gestürzt werden. Vielmehr wird Heuss als Vertreter des Bürgertums in seinen Zeitkontext gestellt.
So erklärt Becker zum Beispiel schlüssig und umsichtig, die Gründe und Umstände für Heuss (als Abgeordneter der Deutschen Staatspartei) 1933 für das sogenannte Ermächtigungsgesetz zu stimmen ' der "biographische Makel" Heuss' schlechthin. Ohne wohlfeile Herablassung des Nachgeborenen wird Heuss hier in seinen Motiven ernst genommen. Gleichzeitig wird die Zustimmung aber nicht als bloßer "Ausrutscher" entschuldigt, sondern in Heuss' staatliches, um nicht zu sagen etatistisches Denken plausibel eingeordnet.
Sicher: In einem knapp angelegten Band einer biographischen Reihe muß vieles ungesagt oder bloß angedeutet bleiben. So fällt die Charakterisierung von Friedrich Naumanns National-Sozialer Bewegung recht knapp aus, ebenso wie die Beschreibung der Deutschen Hochschule für Politik oder des Deutschen Werkbundes, wo Heuss jeweils eine wichtige Rolle spielte. Doch weiß Becker, aus der Not eine Tugend zu machen und konzentriert sich auf die Essenz: Heuss' Wirken im Parlamentarischen Rat zum Beispiel wird auf nur zehn Buchseiten konzentriert auf den Punkt gebracht.
Theodor Heuss wird in seinen Ambivalenzen gezeigt: Beispielsweise wehrt er sich einerseits gegen die Verkitschung und Verharmlosung als "Papa Heuss" durch eine sich nach Vaterfiguren sehnende, westdeutsche Nachkriegsgesellschaft, anderseits befriedigt er deren Bedürfnis nach dem "Papa" aber durch seine Koketterie.
"Bürger im Zeitalter der Extreme" dokumentiert, wie sehr Theodor Heuss das Amt des Bundespräsidenten durch sein "Menschentum" geprägt hat, zeigt aber auch, inwiefern sich bereits der Nachfolger Heinrich Lübke von Heuss' Amtsführung emanzipieren konnte.
Insgesamt ist eben genau das die Stärke dieses biographischen Portraits: Es wäscht das Leben von Theodor Heuss nicht rund wie einen Kiesel, sondern läßt Kanten und Widersprüche dort stehen, wo sie hingehören.