Dreißig Jahre nach dem Tod Theo Lingens wird in diesem Buch sein Leben nacherzählt. Gegen eine Autobiografie hatte sich der Schauspieler zeitlebens gewehrt.
Theo Lingen ist den meisten Menschen heute nur noch als Komödiant in verschiedenen Filmen der Sechszigerjahre, allen voran den Pauker-Filmen "Die Lümmel von der ersten Bank" bekannt. Doch die Karriere Lingens umfasst mehr als diese. Deutlich mehr.
Rolf Aurich ist Lektor an der deutschen Kinemathek und hat zahlreiche Veröffentlichungen zur deutschen Filmgeschichte verfasst. Wolfgang Jacobsen ist ebenfalls an der deutschen Kinemathek tätig, jedoch im Bereich Publikationen und Forschung. Auch er ist durch zahlreiche Veröffentlichungen zur Filmgeschichte bekannt.
In ihrem Werk "Theo Lingen - Das Spiel mit der Maske" zeichnen sie den Lebensweg dieses Schauspielers, Autors und Regisseurs, von seiner Geburt 1903 in Hannover, bis zu seinem Tod, 1978 in Wien nach. 1921 nennt sich Franz Theodor Schmitz in Theo Lingen um, und beginnt seine schauspielerische Karriere in der Schauburg in Hannover. In den kommenden Jahren entwickelt er in verschiedenen Stücken an unterschiedlichen Theatern in Halberstadt, München, Franfurt, Berlin und weiteren einen eigenen Stil, den er zu seinem Markenzeichen macht. Dieser umfasst nicht nur Sprache und Mimik, sondern vor allem auch die Gestik. Aurich und Jacobsen legen großen Wert auf diese frühe Entwicklung Lingens Schauspielerei, und beschreiben die Veränderungen von Stück zu Stück, in denen Lingen mitspielt.
Die erste Hälfte des Buches endet 1945 mit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Zu diesem Zeitpunkt ist Lingen gerade nach Österreich gezogen. Während der Nazi-Zeit in Deutschland gehörte Lingen zu den wichtigsten Schauspielern, und war zu dieser Zeit auch längst im Film aktiv. Politisch hält sich Lingen mit öffentlichen Aussagen zurück, jedoch gehört er klar zu den Gegnern der Nazis.
Die zweite Hälfte des Buches ist schließlich der Zeit von 1946 bis zu Lingens Tod gewidmet. Hier verlagert er seine Tätigkeit zunehmend auf Film und Fernsehen, sowie die Inszenierung eigener Theaterstücke. 1970 beendet er seine Karriere auf der Bühne schließlich völlig, und tritt nur noch im Fernsehen auf. Auch in diesem Teil des Buches konzentrieren sich die Autoren auf die Entwicklung Lingens als Schauspieler und Regisseur. In dieser zweiten Hälfte seiner Karriere rückt auch das größte Problem Lingens zunehmend in den Vordergrund: Er wird immer mehr auf die Rolle eines Komödianten in seichten Produktionen festgelegt. Es werden ihm kaum noch ernsthafte Rollen angeboten, in denen er sein großes schauspielerisches Potential ausspielen könnte. Dieser Aspekt von Lingens Arbeit, der mit dazu beitrug, dass Lingen die Lust am spielen nach und nach verloren ging, spielt im gesamten zweiten Teil des Buches eine wichtige Rolle.
Insgesamt wird Lingens schauspielerische Karriere in diesem Buch hervorragend nacherzählt. Dabei werden sowohl die Stücke, in denen er spielte, als auch seine schauspielerischen Leistungen ausführlich analysiert und Entwicklungen in Letzterer deutlich gemacht. Der große negative Punkt in dieser Biografie liegt daher auch nicht in der Wiedergabe des beruflichen Teils Lingens Lebens, sondern in der des Privatmanns. Theo Lingen mühte sich zeitlebens sein Privatleben vor der Öffentlichkeit abzuschirmen, und weigerte sich auch standhaft eine Autobiografie zu schreiben. Offensichtlich war er damit äußerst erfolgreich, denn nur so ist zu erklären, dass die Privatperson Lingen in dieser Biografie nur sehr wenig Beachtung findet. Insgesamt handeln lediglich drei Kapitel, verteilt auf das gesamte Buch, etwas tiefgehender vom Menschen Lingen. Da wäre zunächst die Zeit vor seiner Schauspielkarriere, die kurz und bündig am Anfang des Buches wiedergegeben wird. Am Ende des ersten Teils gibt es dann ein Kapitel, das sich Lingen in der Nazi-Zeit widmet. Dieses Thema ist aus verschiedenen Gründen von besonderem Interesse: Zum einen gehörte Lingen zu den Schauspielern, die Deutschland nicht verließen, nachdem die Richtlinien, denen eine Produktion zu entsprechen hatte, sowie die Diskriminierung jüdischer Schauspieler, Regisseure und Autoren in immer stärkerem Maße zunahmen. Lingen blieb in Deutschland, und stieg während dieser Zeit immer weiter zu einer großen Berühmtheit auf. Auf der Anderen Seite war Lingen jedoch immer ein großer Feind der Nazis, obgleich er sich öffentlich niemals in die Eine oder die Andere äußerte. Diese Opposition zu den Nazis hatte nicht zuletzt auch sehr private Gründe, war Lingens Frau Marianne doch eine Halbjüdin, und Lingen persönlich rettete seine jüdische Schwiegermutter vor der Deportation. Marianne war außerdem die geschiedene Ehefrau Berthold Brechts, der als Staatsfeind im Ausland lebte. Lingen spielte eine entscheidende Rolle dabei, Brechts Besitztümer auf dessen Tochter, Lingens Adoptivtochter, zu überschreiben, um sie so vor Beschlagnahmung durch die Nazis zu schützen. Lingens Zeit während den Jahren der Nazi-Diktatur gehören also zu den interessantesten seines Lebens. Leider gehören sie aber auch zu denen, über die Lingen niemals sprechen wollte. Daher gestaltet sich auch diese Kapitel relativ dünn. Schließlich stellt das Schlusskapitel einen kurzen Rückblick auf die Person Lingen dar. Von diesen Themen abgesehen, erfährt man im Verlauf des Buches nicht viel mehr über die Privatperson Lingens, und so sehr dies auch auf die Zurückgezogenheit Lingens zurückgeht, und nicht mangelnde Recherchearbeit der Autoren, so fehlt dem Leser am Ende des Buches doch etwas.
Der Anhang des Buches gestaltet sich dagegen wiederum außerordentlich Vorbildlich. Auf die rund 400 Seiten der Biografie kommen knapp 60 Seiten an ausführlichen Anmerkungen zu den einzelnen Kapiteln. Es folgen eine kurze Zeittafel Lingens Lebens, eine genaue Auflistung der Produktionen, in den Lingen am Theater aktiv war, eine Filmografie aller seiner Filme, eine Audiografie aller Tonaufnahmen, seiner Auftritte im Hörfunk und ein Personenregister.
Insgesamt ist den Autoren Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen also eine sehr gute Biografie des Schauspielers Theo Lingen gelungen, in der lediglich der Privatmann Lingen zu kurz kommt. Dieser ist zwar, laut Lingen selbst, zu langweilig für eine Biografie, den Leser einer solchen interessiert er jedoch dennoch.