... sangen "Ton Steine Scherben" 1970. Das filmische Äquivalent dazu schuf der französische Autor, Regisseur und Schauspieler Claude Faraldo (der 2004 als Autor des Drehbuchs zur "Frau des Leuchtturmwärters" wieder zu frischem Ruhm gelangte) 1973 im Alter von 37 Jahren. Er übernahm Drehbuch und Regie, während sein Alter Ego im Film von einem grandios aufspielenden Michel Piccoli verkörpert wird, der nie zuvor oder danach diese anarchische Intensität auf der Leinwand ausdrücken durfte.
Schon Sigmund Freud brachte es Jahrzehnte vor der Entstehung dieses Films auf den Punkt, als er Inzest, Kannibalismus und Mordlust als grundlegende Triebwünsche des Menschen bezeichnete und dazu in seinem Aufsatz "Die Zukunft einer Illusion" bemerkte: "Zu unserer Überraschung fanden wir, dass sie noch immer wirksam sind, noch immer den Kern der Kulturfeindseligkeit bilden. Die Triebwünsche, die unter ihnen leiden, werden mit jedem Kind von neuem geboren; es gibt eine Klasse von Menschen, die Neurotiker, die bereits auf diese Versagungen mit Asozialität reagieren."
Diese grundlegenden oben von Freud genannten und bereits in antiken Kulturen mythologisch beschriebenen Tabus werden durch den von Piccoli verkörperten namen- und (wie alle anderen Personen auch) sprachlosen Mann verkörpert, der sich schreiend, brüllend und die Aussenwand aus seiner Wohnung schlagend aus der ihm von der Gesellschaft aufgezwungenen Rolle als "freundlicher Proletarier" befreit. In welche Richtung führt aber seine "Befreiung"? Über das - um mal ein Entwicklungsbild des Philosophen Ken Wilber aufzugreifen - Personale hinaus ins Transpersonale? Nein, Themroc zeigt den Rückfall ins Präpersonale, in die Faszination mit Zerstörung, orgiastischer Sexualität und vorsprachlich gegrunzten Lauten.
Romantisiert "Themroc" nun diesen Rückschritt? In meiner Wahrnehmung tut der Film genau das nur sehr bedingt. Daher ziehe ich hier auch nur einen Stern ab. Natürlich gibt es in diesem Film die plakative Konsumkritik der 70er, das Herauswerfen der Möbel und des Fernsehgerätes usw. und der Zuschauer darf sich auch an der Tötung und Verspeisung eines Polizisten ergötzen, wobei diese Handlungen ebenso nur als Symbol angedeutet werden, wie die halbherzigen Versuche der Polizisten, die neuen "Höhlenmenschen" durch Tränengas zur Aufgabe zu bewegen oder den des Maurers, der sich anstatt die herausgerissene Wand zu reparieren auch ins Höhlenmenschendasein hinein ziehen lässt.
Das offene Ende zeigt aus meiner Sicht dann auch, dass "Themroc" keinen neuen Lebens- oder gar Gesellschaftsentwurf beinhaltet oder beabsichtigt. Der Film zeigt einfach mit den Mitteln der Satire auf, wie sehr die vitalen Impulse in der modernen bzw. postmodernen Industrie- und Informationsgesellschaft unterdrückt und fehlgeleitet werden (ein schönes Beispiel ist da für mich der den ganzen Film hindurch zwanghaft sein Auto polierende junge Mann und seine der Energie von "Themroc" entsprechende Reaktion am Ende) und dass es in gewisser Weise ganz natürlich ist, wenn von diesen sozialen und wirtschaftlichen Prägungen gepeinigte Menschen aus dieser Zwanghaftigkeit zumindest auszubrechen versuchen.
Fazit: Ein besonderes Stück Filmgeschichte, das hier auf einer kärglich ausgestatteten, fast schon nackt zu nennenden DVD (hat Piccoli die Extras auch in den Hof hinunter geworfen?) erhältlich ist. Keine leichte Kost, sondern ein anarchischer Exkurs in die von einer dünnen Schicht "Zivilisation" überdeckte Triebhaftigkeit des Menschen. Diese Schicht ist so dünn wie der Morgenmantel über der Brust seiner Schwester (lüstern und naiv gespielt von Béatrice Romand), den Piccoli zu Anfang der Geschichte unter den empörten Blicken der Mutter beiseite schiebt ...