Lang, lang ist's her, seit ich als Volontär über all das schreiben musste, was für gestandene Journalisten No-News sind. Generalversammlungen, Quartierfeste, angeschossene Katzen und abgeschossene B-Prominenz. In den Niederungen des ganz gewöhnlichen Alltags beginnen zu müssen, gehört noch heute zu den Erfahrungen künftiger Starjournalisten. Die Erfahrung, kein Thema zu finden, machte ich allerdings während dieser Zeit nie. Und auch die Kollegen schienen dieses Problem nicht zu haben, obwohl das Internet erst eine Generation später erfunden wurde. Offenbar waren Journalisten damals noch mit einer natürlichen Beobachtungsgabe ausgestattet. Ein Buch wie das von Barbara Scheiter wäre deshalb als Majestätsbeleidigung aufgefasst worden. Aus meiner Beratertätigkeit bei einem Radiosender weiß ich jedoch, dass viele junge Praktikanten tatsächlich der Meinung sind, die Bild-Zeitung habe das Exklusivrecht für berichtenswerte Themen. Und wenn ich dem Chef dann sage, diese fantasielosen Jungmoderatoren seien wahrscheinlich am falschen Platz, bin ich entweder der Grufti, Hardliner oder externe Depp. Oder man will ganz einfach keinen Zoff in der Bude. Aber da Liebesentzug auch mich trifft, werde ich in Zukunft die 15 Euro jeweils auf meine Spesenrechnung setzen hilflosen Themensuchern dieses Buch in die Hand drücken. Nicht weil ich es für einen großen Wurf halte, sondern weil man niemandem das 1x1 vorenthalten sollte.
Wieso die junge Journalistin bereits Medienwissenschaft unterrichtet und Vertretern ihrer Zunft das Handwerk beibringen will, weiß ich nicht. Ich hörte lieber alten Hasen zu, die aus dem Vollem schöpfen konnten, von ihren Erfolgen und Misserfolgen berichteten, sich im Ton auch mal vergriffen und höchst selten von Banalitäten sprachen. Jedenfalls hätte sich keiner von ihnen gewagt, uns darauf aufmerksam zu machen, Ideen festzuhalten, den Leuten der Strasse zuzuhören oder Zeitschriften zu lesen sei empfehlenswert. Aber genau so beginnt dieses Buch. Selbst wenn es als witziger Einstieg gemeint ist, fühlt sich ein normal tickender Leser kaum ernst genommen, wenn ihm als Auftakt zehn dumme Regeln für den Misserfolg präsentiert werden. Etwas Substanzieller geht es dann im zweiten Kapitel weiter, in dem es um Pressekonferenzen, die Longseller Kinder und Tiere sowie die Formel "Thematik + Recherche = Thema" geht. Danach ermuntert uns die Autorin zum Verlassen des Schreibtisches. Eintauchen sollen wir ins volle Leben, Messen besuchen, schwarze Bretter studieren, Infoblättchen sammeln, der Vereinsmeierei frönen, Netzwerke pflegen, Sport treiben und lange Spaziergänge unternehmen. Und wenn das alles nichts gebracht hat, kehren wir eben wieder an den Schreibtisch zurück, lesen Zeitungen und Zeitschriften aller Art, gucken in die Röhre, drehen das Radio auf oder suchen im Internet nach einem Thema. Dort gibt es ja Suchmaschinen, Foren, Groups, Mailinglisten, Newsletters, Pressemitteilungen, Social-Network-Seiten, merkwürdige Spams, Social Bookmarks, RSS-Feeds, YouTube und sonst noch Allerlei. Ist der Kopf noch immer leer, steigen wir ins firmeneigene Archiv oder wenden eine der bekannten Kreativitätstechniken an. Wonach wir an all diesen Orten suchen sollen, erfahren wir dann ab Seite 89 im Kapitel "Was ist denn nun ein gutes Thema?". Die Zeiten ändern sich. Ich habe noch gelernt, dass Wichtiges mit Vorteil an den Anfang gesetzt wird. Hat der Leser die Theorie begriffen und hinter sich, kann er im zwanzigseitigen Übungsteil zeigen, was er gelernt hat. Und wem dies nicht genügt, stochert in den unkommentierten Literaturgaben nach einem Fortsetzungskurs.
Mein Fazit: Tut mir leid, aber wer die meisten Tipps und Tricks von Barbara Scheiter hilfreich findet, gehört wahrscheinlich genau zu den Praktikanten und Volontären, die es im Journalismus auch mit solchen Ratgebern nicht sehr weit bringen. Drei Sterne, weil es auch Bücher für blutige Anfänger geben muss.