Sodann meine Meinung - ich hab mich seit ewiger Zeit mal wieder zu einer Kritik hinreissen lassen...
Tracklist:
CD1:
Day One: Vigil
Day Two: Isolation
Day Three: Pain
Day Four: Mystery
Day Five: Voices
Day Six: Childhood
Day Seven: Hope
Day Eight: School
Day Nine: Playground
Day Ten: Memories
Day Eleven: Love
CD2:
Day Twelve: Trauma
Day Thirteen: Sign
Day Fourteen: Pride
Day Fifteen: Betrayal
Day Sixteen: Loser
Day Seventeen: Accident?
Day Eighteen: Realization
Day Nineteen: Disclosure
Day Twenty: Confrontation
DVD:
- 45 minütiges "Behind the scenes" (sehr informativ, aber auch lustig)
- 3 minütiges "Concept" + Outtakes (selten so gelacht!)
- Ayreon-Story
- Drums (Ed Warby)
- Video zu "Love"
- Teaser zu "THE"
Sänger:
"Me" - James LaBrie
"His Wife" - Marcela Bovio
"His Best Friend" - Arjen Anthony Lucassen
"Fear"-Mikael Aekerfield
"Reason" - Eric Clayton
"Love" - Heather Findlay
"Passion" - Irene Jansen
"Pride" - Magnus Ekwall
"Pain" - Devon Graves
"Rage" - Devin Townsend
Instrumente: Ein unüberschauberes Potpourrie - diverse Gitarren, Synthies, Keys, Hammond, Didgeridoo, Flöten, Cellos, Geigen - ich habe allerdings keinen Dudelsack gehört!
Arjen Anthony Lucassen hat mit "The Human Equation" meiner Meinung nach seinen bisher besten Output veröffentlicht - "Into the electric castle" eingeschlossen!
Auf der "Haben"-Seite steht zunächst das wohl durchdachte Story-Konzept: Ein erfolgreicher Geschäftsmann verunglückt am hellichten Tag auf völlig freier Straße mit seinem Auto und fällt - trotz geringer physischer Verletzungen in ein Koma. Seine Ehefrau und sein bester Freund harren neben seinem Bett aus und versuchen, ihn den Weg zurück zu geleiten.
Soweit, so banal, mag man jetzt denken. In der Tat scheint das Konzept zunächst nicht anspruchsvoller, als die abstrusen Fantasy-SciFi-Storys von "ITEC" und "Universal Migrator" - doch ähnlich wie auch bei "Into the electric castle" ist es weniger die Reise, sondern mehr die Ebene des emotionalen Konflikts, die die Story interessant macht.
"Auf sich selbst zurückgeworfen" und "in sich gefangen" findet sich der Mann in seinem eigenen Unterbewusstsein wieder, wo er mit den verschiedenen positiven und negativen Emotionen und den Erinnerungen seines Lebens konfrontiert wird... . Was folgt ist ein Aufarbeiten der Vergangenheit und ein Kampf der verschiedenen Gefühle, an dessen Ende die Frage um das Erwachen des Schläfers steht...
Über die Erinnerungen und das Ende selbst will ich nicht zu viel verraten, deswegen schweige ich hier.
Zum musikalischen:
Das Album ist in zwanzig Songs unterteilt, die jeder einen Tag des Komas repräsentieren und unter einem bestimmten Motto stehen - häufig die Erinnerungen des Mannes, manchmal die Gedanken seiner Frau und des Freundes, ein andermal seine Emotionen.
Zu den einzelnen Sängern, die die verschiedenen Charaktere und Emotionen verkörpern:
"Me", der Mann selbst wird von Dream Theaters James LaBrie dargestellt, der auf diesem Album die beste Gesangsleistung darbringt, die ich jemals von ihm gehört habe. Vor allem seine weiche, warme und volle Stimme dominiert - so habe ich ihn am liebsten, aber er hat auch öfter die Gelegenheit, wieder hohe Töne anzuschlagen, was ihm hier sehr gut gelingt. Charismatische und souveräne Performance - Kompliment!
Opeths Mikael Aekerfield darf als "Fear" ran. Seine Einsatz war für mich zunächst teilweise etwas ungewohnt, was sich aber schnell revidierte. Er singt schlicht fantastisch, mit seiner warmen, stimmgewordenen Melancholie - und auch "Angst" vermag er mit seinen Growls, die allerdings sehr sparsam eingesetzt wurden exzellent zu vermitteln. Seine Performance ist so gut wie bei Opeth - das Umfeld allerdings völlig anders. (Auf der DVD beweist er sich außerdem als Mensch mit einem extraordinären Humor!)
Devon Graves dürfte vielen als Sänger von Dead Soul Tribe und Psychotic Waltz ein Begriff sein. Bisher leuchtete mir die Brillanz dieses Sängers kaum ein, obwohl ich ihn für gut hielt. Das hat sich mit diesem Album geändert. Er verkörpert "Pain" und ist eine der dominierendsten Stimmen des Albums - mal zerbrechlich, mal schmerzlich, mal voller Kraft. Das fällt einem stellenweise gar nicht auf, denn seine Stimme ist so variabel, dass man manchmal gar nicht merkt, dass es wieder dieser Ausnahmesänger ist... Toll!
Irene Jansen als "Passion" bietet eine sehr gute Leistung dar und "hängt sich voll rein" - wie sich das für die "Leidenschaft" eben gehört. Als einzige Powersängerin macht sie eine sehr gute Figur und übertrifft ihre Leistungen bei STAR ONE und Gary Hughes.
Mike Baker von Shadow Gallery hat als gewaltätiger "Father" einen einzigen Auftritt in dem Song "Day Sixteen: Loser". Seine Leistung besteht vor allem in einer ungemeinen Lässigkeit und Abgeklärtheit - er ist einfach extrem cool!
Arjen Lucassen selbst spielt die Rolle des "Best Friend" und ehrlich - er ist kein besonderer Sänger. Dennoch - er hat etwas völlig einzigartiges in seiner Stimme und setzt, wie übrigens jeder Sänger auf diesem Album, seine völlig eigenen Akzente. Nebenbei: Neben seiner Performance als "Hippie" in "Amazing Flight in Space" (ITEC) hat er niemals besser geklungen.
Über Devin Townsend muss ich wohl kaum was sagen. Er IST der wahre Zorn, der Hass, die Wut... unbarmherzig, brutal reißt er mit seiner Stimme orkangleich klaffende Wunden - wahrhaftig beeindruckend. Einziger Wehrmutstropfen: Er ist nur auf 3 Songs vertreten - diese sind jedoch allesamt Highlights. (Aber: Was heißt "motion personified alpha"???)
Zu den Sängern, die mir bisher unbekannt waren:
Heather Findlay von Mostly Autumn ist wirklich die fleischgewordene, reine "Liebe" (ohne SEX!). Sie ist ein Engel und veredelt mit ihrer charismatischen, anschmiegsamen Stimme so manchen Song und wird - für den Charakter "Me" wie auch den Hörer selbst - gegenüber all dem Schmerz, der Angst, der Wut zu einem wahren Ruhepol. Ich schätze, ich werde mal Mostly Autumn antesten... (Abgesehen davon ist sie vermutlich eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen habe!)
Magnus Ekwall als Pride ist ein Power-Sänger der alten Schule - und ein (beinah!) vollwertiger Ersatz für Russel Allen. Für die, die Russel nicht kennen: Das ist so ziemlich das größte Kompliment, dass ich einem Sänger machen kann. Volumen, Charisma, Technik - alles stimmt, und er trifft sehr gut das Pathos des Stolzes. Auch seine Stammband The Quill werde ich wohl mal antesten...
Eric Clayton von Saviour Machine ist Reason - ebenfalls eine der dominierendsten Stimmen des Albums. Seine tiefe, dramatische, opereske Stimme jagt einem ein ums andere Mal Schauer über den Rücken. Was soll ich sagen? Der Mann ist wie ein tiefer Brunnen. Erwähnte ich, das ich Saviour Machine mal antesten werde?
Zuletzt Wife - die Frau des Kranken. Sie wird von der bisher unbekannten Marcela Bovio aus Mexiko gesungen. Mir ist schleierhaft, wie sie so lange versteckt bleiben konnte, bis Arjen sie entdeckt hat. Ich würde sie in etwa in der Gesangsriege (und auch stilistisch und von den Farben ihrer Stimme her) in einer Liga mit Annekke van Giersbergen ansehen. In ihr vereinen sich Trauer, Liebe und sogar ein Schuss Erotik, wenn sie kraftvoll oder beinah hauchend das Mikro zur Hand nimmt. Riesenkompliment.
Was noch? Die Stimmen sind allesamt absolut einzigartig und für ihre jeweiligen Charaktere exzellent ausgewählt. Die Rollen wirken ihnen ausnahmslos wie auf den Leib geschneidert. Aber ihre wahre Kraft entfalten sie erst - und hier ein Riesenlob an Arjen - im Dialog mit den anderen. Im Gegensatz zu "Universal Migrator" hat Arjen das Konzept der Dialoge und des "Gegeneinander-Singens" wieder ausgegraben und im Vergleich zu "Into the electric castle" noch verfeinert. Das macht diese Platte zum gesanglich in ihrer Bandbreite besten Album, das ich kenne. Ich spare mir die Superlative: Wer Ohren hat, der höre!
Bei soviel Schwärmerei über die Sänger sollten die Songs nicht vergessen werden. Von "moderat-komplex" [Isolation, Pain, Trauma, Voices, Confrontation] (etwa das Niveau von Spock's Beards 10-Minütern, auch komplexere Songs von Treshold sind ein Vergleich) über "verträumt-balladesk" (Sign) und absolut abgedreht [Loser!!] bis "auf den Punkt rockig" [z.B. Pride, Accident] wird hier mal wieder die ganze Bandbreite von "Symphonic-Space-Folk-Psych-Prog-Classic Hippie-Metal-Rock". Dabei versteht Arjen es wie sonst beinah nur Steven Wilson oder die Jungs von Threshold in ihren wirklich guten Songs, Ohrwürmer zu schaffen, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen - die Melodien sind große Klasse, ohne zu aufdringlich oder banal zu werden (Ausnahme vielleicht "Hope", aber selbst da bin ich mir nicht sicher - außerdem sind's grad mal 3 Minuten).
Die Variabilität, die die Kompositionen schon anlegen, wird durch die Instrumentierung bestärkt. Neben den typischen AYREON-Trademarks (warme-spacige Analog-Synthies, krachende, klassische Gitarren, jede Menge Folk durch Akkustik und Querflöte) kommen diesmal auch verstärkt klassische Instrumente (und sogar ein Didgeridoo!) zum Einsatz, was dem Album einige neue Klangdimensionen hinzufügt, ohne das man vergisst, das es AYREON ist. Lesen Sie weiter... ›