Dieses neue Buch ist nun auch im deutschsprachigen Raum erhältlich. Der Autor hat Xingyi, Taiji im alten Yang-Stil und Bagua vor allem im Zusammenhang des chinesischen Militärs (Taiwan und Festland) erlernt und lehrt in Kanada. Hierzulande werden innere Künste Chinas, auch Xingyi, doch eher zur Förderung von Gesundheit und Konzentration oder zur Meditation geübt, doch im angelsächsischen Bereich sind Selbstverteidigung und Kampfanwendung als Übungsschwerpunkte schon lange etabliert. Einem Leser/einer Leserin aus einem europäischen Land müsste das Buch also zunächst fremdartig erscheinen, mir ist es jedenfalls so gegangen. Das Trainingshandbuch für das chinesische Militär aus der zentralen Militär-Akademie in Nanjing von 1928 dokumentiert die Tendenz in der damaligen Republik China, traditionelle Kampfkunst-Konzepte der Bevölkerung und auch dem Militär zu erschließen. Das Original wurde vom Autor mit eigenen Techniken und Fotos rekonstruiert, wie es ihm von seinem Lehrer, der an der Militär-Akademie gelernt hatte, übermittelt worden ist. Wer Reportagen aus Natinal Geographic kennt, in denen zum Beispiel antike oder mittelalterliche Schwerttechniken durch moderne Experten rekonstruiert werden, kann sich schon ein Bild von dem Ansatz dieses Buches machen. Das Buch impliziert auch, die gezeigten Techniken heute nachzuüben, wie gut die sind, kann ich nicht sagen, weil ich von Militär-Kampf keine Ahnung habe. Gesundheit und Charakterentwicklung werden nur nebenbei erwähnt, der Schwerpunkt liegt auf der Rekonstruktion. Leider werden auch historisch interessante Fragen, wie die nach der Verwendung des Da Dao in der Schwertkunst des Xingyi nur sehr knapp diskutiert. So beinhaltet das Buch (a) die Fünf-Elemente-Fausttechniken mit Verbundener Form (ohne TCM oder Kosmologie), (b) diese Konzepte für 10 Speertechniken als Bajonett-Anleitung und (c) ebenfalls das Fünf-Elemnte-Konzept für den westlichen Militärsäbel. Wer mit Speer oder Da Dao/langem Jian üben möchte, kann sich lieber die über Amazon erhältlichen DVDs mit Helen Liang kaufen, die neben Gesundheit, Konzentration und Sport auch historische Kampfanwendungen enthalten. Xingyi-Fans, denen alles zu Xingyi gefällt, werden dieses Buch als historisches Dokument schätzen, alle anderen aus dem Buch wohl nicht viel Gewinn ziehen. Abschließend sollte erwähnt werden, dass Xingyi zwar auf General Yue Fei zurückgeführt wird, dies jedoch durch Ji Jike, mit dem Xingyi historisch nachweisbar wird, dieser wählte den General zu seinem Vorbild (dessen verschollenes Handbuch er gefunden hatte), weil Yue Fei sich ungerechter Herrschaft widersetzte, was Ji Jike auf den Qing-Feudalismus seiner Zeit übertrug. Militär ist also nur ein Aspekt des Xingyi, auch Sun Lu Tang, der in dem Buch als Pate genannt wird, war sicher alles andere als einseitig am Militär interessiert.