Tatsächlich geht in Wilkie Collins Kriminal-Thriller stimmungstechnisch kaum die Sonne auf, zu dunkel und bedrohlich wirkt der unheilverkündende Unterton des fiktiven Erzählers Walter Hartright schon auf den ersten Seiten des Romans. In packender Art und Weise erzählt er die turbulente, mysteriöse Geschichte seiner großen Liebe, die mit der unheimlichen nächtlichen Begegnung mit einer Frau in Weiß beginnt. Die Frau, von der er später erfährt, dass sie aus einer Anstalt geflohen ist, warnt ihn eindringlich vor einem unbenannten Baronet, dessen Namen sie aus Furcht nicht verraten möchte. Die seltsame Begegnung lässt Hartright nicht los, auch nicht, als er im mondänen Limmeridge House eine Stelle als Zeichenlehrer antritt. Dort vertraut er sich seiner Schülerin Marian Halcombe an, die wie er begierig ist, das Geheimnis um die Frau in Weiß zu lüften. Doch schon bald werden Hartrights Interessen diesbezüglich zerstreut, in Form von Halcombes Schwester Laura, in die er sich sofort rettungslos verliebt. Als jedoch die Frau in Weiß wieder auftaucht, wird klar, dass ihre Warnungen ernst zu nehmen sind, denn schon bald muss Walter erkennen, dass Laura, er und auch die Frau in Weiß selbst, in eine gewaltige, perfekt arrangierte Verschwörung verwickelt wurden...
Ich persönlich habe mir diesen Roman als Urlaubslektüre gekauft, da ich in ihm einen unterhaltsamen, aber trotzdem gehaltvollen Klassiker vermutete. Diese Vermutungen haben sich bestätigt; der Roman ist im englischen Original trotz graziöser Sprachwahl sehr lesbar und gut zu verstehen, die Geschichte ist spannend und versteht es, den Leser zu fesseln. Gut hat mir auch die wechselnde Erzählperspektive gefallen, denn durch einen fehlenden allwissenden Erzähler wirkt die Geschichte mysteriöser, da die Geschehenisse durch die Persönlichkeit und Auffassungsgabe des jeweiligen Erzählers geprägt werden.
Gefallen hat mir insbesondere der erste Teil des Romans, da er durch tiegründige Beschreibungen im Herrenhaus Limmeridge eine erfreulich düstere Edgar-Wallace-Atmosphäre erzeugt. Hervorragend sind auch die beiden Gegenspieler, die toughe Marian Halcombe und der charismatische Bösewicht Graf Fosco, gelungen. Etwas enttäuscht war ich jedoch vom Ende des Romans, zum einen, weil ich das "schreckliche Geheimnis", von dem die Frau in Weiß bei ihrer ersten Begegnung mit Hartright gesprochen hatte, gemessen an der Komplexität der gesponnenen Intrige, recht unspektakulär fand, und zum anderen, weil sich die gesamte Verschwörung, samt Geheimnis, meiner Meinung nach zu früh aufgeklärt hat, und ich dementsprechend nicht bis zum Ende mitfiebern konnte.
Trotzdem, der Roman ist definitiv empfehlendswert und die ideale Lektüre für schwüle Sommerabende mit Tiefgang.