Der erste Barbier war meiner. Ein wamperter Zwerg, der eigentlich in Bücher machte, aber das war mir egal. Der Animescheitel kam mir jedenfalls nicht ins Haus. Geralt, modische Gleichgültigkeit in persona, rasiert sich nicht im Intimbereich und er färbt sich das graue Haupthaar nicht burschikos lila wie ein Dragonballschlappschwanz. Wozu dann das halbherzige Zöpfchen, das ich zuletzt bei den Elementarmagierinnen in Guild Wars erblickte und schon damals für unvorteilhaft befand? Sei's drum, schließlich ließ sich der Rest ganz vorzüglich an.
Positives
Die Grafik - 1A, und für ein Rollenspiel mehr als ausreichend. Mit der Skyrims würde ich sie nicht in den Ring schicken, sonst aber muss sie keine Vergleiche fürchten. Weshalb die Autoerkennung der optimalen Einstellungen meinem sündhaft teuren High-End-Rechner nahelegte, es erst einmal auf "niedrig" zu versuchen, weiß ich nicht. Der schaukelte das Baby jedenfalls auch auf "Sehr hoch" und bei dicksten Shaderspielereien ohne Ruckler.
Die Qual der Wahl - Was stehe ich auf RPGs, die mir noch zutrauen, schwierige Entscheidungen selbst zu treffen und notfalls eine Elfenfamilie zu opfern. Nur der Rettung der Welt zuliebe, versteht sich. Der durchgestylte Haupthandlungsstrang kennt keine Gnade mit zögerlichen Gemütern; Führungspersönlichkeiten hingegen tollen in ihrem Element. Da saß ich doch ein ums andere Mal geschlagene fünf Minuten vor den Dialogoptionen und wusste nicht, was ich anklicken sollte. Dass meine Wahl das Spielgeschehen maßgeblich beeinflussen würde, pfiffen ja die Harpyien von den Dächern. Immerhin, ich hielt den Kurs und legte meinen Hexer konsequent artig aus - bis zum Schluss. Ein Blick in die Komplettlösung nach dem Durchspielen verriet mir übrigens, dass andere Entscheidungen auch gänzlich neue Folgequests nach sich gezogen hätten. Mehrmalige Durchläufe scheinen sich also geradezu aufzudrängen.
Das Fingerspitzengefühl - Im Design der Welt und der Charaktere. Ich kann Spiele, die so viel Wert auf vermeintliche Nichtigkeiten legen wie The Witcher 2, an einer Hand abzählen. Dabei wiegen gerade die tonnenschwer. Die Warschauer Jungs werden nicht müde, Details aufzutischen, die Casual Gamer de facto überfordern. Vier, fünf Könige ebensovieler Reiche, die sich im ständigen Weiteifer um die neutrale Zone zwischen ihren Ländereien befinden, plus magiebegabte Beraterinnen, deren Namen ich zwanzig Mal hören musste, ehe ich sie drauf hatte. Wohl auch, weil ich nicht umhin kam, ihnen ständig aufs üppige Decoltée zu glotzen. Das lenkt ab. Im schönen Gegensatz dazu die halbwüchsigen Ausgewachsenen, die kein Rosenblatt vor den Mund nehmen und ganz unkompliziert selbst im brenzligsten Augenblick bekunden, dass Lesbomanthie ihr Lieblingszweig der Magie ist - die muss man einfach lieben. Die zuweilen undurchsichtigen Ränkespielchen und die zahllosen Hintergrundinfos hingegen nicht. Da erwischt es Vizimir, den Apfelträger Redaniens, was die Armeen Kaedwens unter Henselt ermuntert, das vakante Ober-Aedirn im Pontartal zu stürmen. Derweil balgt sich Temeriens Foltest in einem Bürgerkrieg mit den La Valettes, die Elfenrebellen der Scoia'tael fechten für ihre Freiheit und die Zauberinnen der Loge ziehen Strippen im Verborgenen. Von den geheimnisvollen Hexern der Schlangenschule ganz zu schweigen. Und jeder paktiert mit jedem, wenn es gerade passt. Ich war ganz verrückt danach, aber das mag nicht jedem so gehen.
Das Kampfsystem - Gewusst wo, spart Energo! Heißt soviel wie: Wer sich gedankenlos ins Getümmel stürzt, endet mit einem Balissablättchen zwischen den Pobacken als Nekkerfrühstück. Was ein bisschen Vorbereitung und Taktik hingegen ausmachen, ist bemerkenswert. Mixturen werden so beispielsweise nicht mehr während des Kampfes geschluckt, sondern schon davor. Das verlangt Planung, heißt aber auch, dass man manchmal erst ins Verderben rennen muss, um dann die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Gleiches gilt für den Skillbaum. So gibt es unscheinbare Low-Level-Fertigkeiten, die Kräfteverhältnisse komplett kippen können. Dabei entscheidet der Spieler, ob er es eher mit der Magie, dem Schwertkampf oder der Alchemie hält. Dumm nur, wenn man auf die Wundertinkturen angewiesen ist und dann nach einem Dialog nicht mehr dazu kommt, noch eine einzuwerfen. Hier hakt das Balancing leider gehörig.
Negatives
Die Stabilität - Nach zwei Stunden in The Witcher 2 hüpfte ich aufgeregt auf und ab und huldigte CD Projekt. Mr. Phlegmatic was back und mit ihm seine illustre Gefolgschaft. Die Quests abwechslungsreich, die Dialoge gehaltvoll - ich wähnte mich im Rollenspielhimmel, ehe die Abstürze zum Desktop Einzug hielten. Nichts für ungut, Probleme mit der Technik klammere ich in meinen Rezensionen für gewöhnlich aus, weil ich davon ausgehe, dass sie meine und nicht Sorge der Masse sind. In diesem Fall jedoch sang Google ein anderes Lied. Dort fanden sich Leute zuhauf, die mit der Enhanced Edition von CTDs überschwemmt wurden und nichts dagegen tun konnten. Ich versuchte meinerseits einiges: Stellte die Einstellungen auf "niedrig", wie mir ja eingangs angeraten wurde, setzte den Kompatibilitätsmodus auf "Windows XP - SP 3" und führte die .Exe direkt als Admin aus. Auch die Auslagerungsdatei erhielt allen Freiraum. Umsonst. Die wahllosen Abstürze blieben, ein Muster konnte wenigstens ich nicht ausmachen. Manchmal spielte ich vier Stunden am Stück ohne Zwischenfall, manchal startete ich in einer halben drei Mal. Das drückte den Spielspaß zwischenzeitlich gewaltig. Wer hier zugreift, muss also mit Ärger rechnen, Kummer gewöhnt sein und sich davon nicht unterkriegen lassen.
Konditionsprobleme - Im dritten Akt geht dem Abenteuer die Luft aus. Fand ich höchst verwunderlich, aber er hat nicht die Hälfte des Umfangs der beiden vorangegangenen. Zudem fehlte mir das Gefühl, langsam zum Ende zu kommen. Plötzlich war es da und ich hatte noch Talentpunkte auf der hohen Kante, Mutagene nicht ausgegeben und Waffen nicht upgegradet. Das offene Ende störte mich dabei wenig, nur die fehlende Handlungsdichte. Da hatte Teil eins mehr Steherqualitäten bewiesen.
Fazit
Das Spiel, das hätte perfekt werden können, wurde es nicht. Weil der Moment der letzten Spannung fehlt sowie große Emotionen beim Showdown. Man ließ mir die Gelegenheit, das letzte Duell zu meiden, und da ich Geralt seit jeher als denkenden Helden, nicht tumpen Schlagetod verstand, ergriff ich sie. Weder Programmierung noch leise innere Stimme drängten mich, den Kampf anzunehmen, also blieb es still. Leider ließ mich diese Entscheidung auch ein bisschen unbefriedigt zurück. Insbesondere angesichts der Ungewissheit, ob und wann ein dritter Teil kommt und die packende Geschichte ihren Klimax erfährt. Meine Empfehlung: Kaufen, wer mit Abstürzen umgehen kann. Gut möglich, dass ihr davon verschont bleibt, doch was, wenn nicht? Informationsflut und Spielgeschwindigkeit bleiben wiederum Geschmackssache. Ein Action-Rollenspiel ist The Witcher 2 jedenfalls nicht.