Staffel 3 jetzt auf DVD erhältlich
Da Deutschland bei HBO-Serien und deren Veröffentlichung auf DVD regelmäßig um Monate, meist sogar um Jahre, hinter herhinkt (u.a. wegen der hierzulande gewünschten und stets zeitaufwendigen Synchronisation), sind in Deutschland bisher lediglich die Staffeln 1 bis 3 auf DVD erhältlich und das obwohl die 5 Staffeln der Serie in den USA bereits vom Juni 2002 bis März 2008 liefen.
Dies vorab, um zu erklären warum es solch wenig aktuelle Details gibt, wie die Frage eines Polizisten 'was ist eine SMS?', 'in die Digital-Camera musst du keinen Film einlegen?' oder 'wer braucht bei der Polizei denn schon Computer?' (Zitat: "Wenn der Boss erfährt. dass Sie Fälle mit Video-Spielen zu lösen versuchen, dann ..."). Aber das alles ist schließlich nicht Schuld der amerikanischen Drehbuchautoren und Macher der Serie, es liegt einfach an der hierzulande um Jahre verzögerten Vermarktung.
Liest man ein wenig über die Reaktionen, die 'The Wire' in den USA auslöste, so kann man die deutschen Lizenznehmer vielleicht sogar verstehen. Zitat: '(...) Allerdings erschweren die komplexen Charaktere und Handlungsstränge den Zugang zur Serie. Dies führte zwar zu einigen äußerst positiven Kritiken, aber auch zu relativ schlechten Einschaltquoten, da viele Zuschauer der vielschichtigen Handlung nicht folgen konnten (intellektuelle Überforderung des durchschnittlichen Fernsehzuschauers)' Quelle: Wikipedia
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Meine persönliche Bewertung der Serie:
Handlung
Da ich mich bei mittelmäßigen Serien schnell langweile und mir deshalb im Fernsehen keine der unzähligen 'Polizeiserien', wie 'Navy CIS' +++ 'Criminal Minds' +++ 'CSI: Miami' usw. usw. ansehe, hielt sich meine Begeisterung zunächst auch bei 'The Wire' sehr in Grenzen, sie interessierte mich einfach nicht genug, um mich zu fesseln (ein Freund hatte mir die Serie empfohlen): Endlose Dialoge, ausführlichste (langatmige) Charakterzeichnungen der div. Hauptakteure bei Polizei und Drogenhandel, die 'folkloristisch' dargebotenen Slangs von Klein-Dealern und Drogenfahndern (jeweils bis zum Abwinken gespickt mit rassistischen, frauenverachtenden, homophoben und fremdenfeindlichen Stereotypen), all das nervte anfangs sehr und wirkte irgendwie aufgesetzt und plump.
Doch dann ..., gegen Ende der 1. Staffel kamen Tempo und Action dazu, die zu einer enormen Verdichtung des Handlungsablaufs führten und endlich so etwas, wie eine Identifikation mit den zentralen Figuren der Handlung erreichte. Jetzt war ich 'drin' und konnte kaum noch aufhören die DVDs anzusehen.
Charaktere
Gut und böse, moralisch und unmoralisch, käuflich und unbestechlich, korrupt und integer - die Grenzen verschwimmen ständig, ob auf Seiten der Polizei, der Lokalpolitiker oder innerhalb der mafiösen Strukturen des Avon Barksdale Drogenclans. Mit einer 'schwarz-weiß' (im wahrsten Sinne des Worte übrigens) gezeichneten Handlung (dort die Kriminellen, hier die edlen Gesetzeshüter) will 'The Wire' nicht dienen und genau das macht einen Teil des Reizes der Serie aus.
Ob etwa die Hälfte der ermittelnden Polizisten (auch die 'Hauptfigur', der junge irischstämmige Polizist James 'Jimmy' McNulty) schwere Trinker sind und ihren Alkoholismus offen zur Schau stellen, skrupellos zu zweit oder zu dritt Verdächtige im Vernehmungszimmer zusammen schlagen, ob Vorgesetzte korrupt und karrieregeil Ermittlungen behindern oder privat nutzen oder ob Drogengelder bei Razzien eingesteckt werden. Es sind Menschen mit erheblichen Schwächen, die hier im Mittelpunkt der Handlung stehen.
Lokalcolorit
Baltimore, die Stadt mit einem der wichtigsten Seehäfen der USA (im Container-Hafen von Baltimore spielen weite Teile der 2. Staffel, weil in den Containern nicht nur Rauschgift, sondern z.B. auch osteuropäische Zwangsprostituierte ins Land gebracht werden) bietet die Kulisse der Serie und die Drehbuchautoren greifen dabei häufig auf die Aufzeichnungen von David Simon (ehem. Reporter der 'Baltimore Sun' und zeitweise Polizeireporter des 'Baltimore Police Department') zurück, wodurch ein hohes Maß an Authentizität zustande kommt.
Technische Bewertung der DVDs
Bild- und Tonqualität sind guter Durchschnitt und damit akzeptabel. Neuere Produktionen bieten allerdings teilweise deutlich besseren Standard. Aber, wie schon erwähnt, lief die Serie ja bereits im März 2008 in den USA aus ...
Da mich persönlich sog. (oft stundenlange) 'Specials' nur wenig interessieren (ein 'Making Of' kann bei mir sogar leicht jede Illusion zerstören), habe ich mir die dünn gesäten Specials noch nicht angetan und spare sie mir für lange Winterabende :-) auf. Ich bemängele daher kaum die nicht so ausführlich vorhandenen Hintergrund-Infos.
Unterhaltungswert
Wer bereit ist sich - weit über das übliche Maß hinaus - auf komplexe Charakterzeichnungen und Handlungsabläufe einzulassen und außerdem etwas Geduld mitbringt (die erste Staffel zieht sich recht ereignisarm in die Länge), der könnte trotzdem zu einem Fan von 'The Wire' werden, so wie ich inzwischen. Wer dagegen gern beim Fernsehen noch zusätzlichen anderen Tätigkeiten nachgeht, sollte besser die Finger davon lassen, denn sonst versteht er schon sehr bald nicht mehr was vor sich geht, da eine Folge auf der vorhergehenden aufbaut und ein Einstieg mittendrin zu Frustration führen würde.
Wen es dagegen reizt sein Hirn auch beim TV-Konsum arbeiten zu lassen, der ist mit 'The Wire' gut bedient, immer vorausgesetzt allerdings die Verflechtungen und Verstrickungen von Politik-Polizei-Kriminalität und die versteckten Wege von Drogen und Geld interessieren überhaupt.
Wie sagt doch ein ermittelnder Polizist: 'Folge den Drogen und du weißt wohin du kommst, aber folge dem Geld und du weißt nie wo du landen wirst.' Sehr richtig!
Gute Unterhaltung bei 'The Wire'
PS
Die Links zu den DVDs mit Staffeln 1 und 2 finden sich in meinem ersten Kommentar unter dieser Rezension.