Wie erklärt man, was The Wire ist? Vielleicht am besten darüber, was es nicht ist - nämlich eine Krimiserie im klassischen Tatortstil, in der die Freunde und Helfer von der Polizei in schöner Regelmäßigkeit den bösen Buben das verbrecherische Handwerk legen und damit zugleich dem Guten zum Sieg über das Böse verhelfen und die soziale Ordnung, die einzelne Individuen kurzzeitig durchbrachen, zum Wohle aller wieder herstellen. Zwar kreist auch The Wire um einen Konflikt zwischen der Polizei und Verbrechern im Drogenmilieu, aber die restlichen Merkmale der genrekonventionellen Krimiserie spielen keine Rolle, es sei denn als die Asche, aus der der Phönix zu Höherem empor strebt.
Wenn aber The Wire keine Krimiserie ist, was ist es dann? Kurz und knapp lautet die Antwort: Ein episches Sozialdrama, das anmutet, als habe jemand einen guten Roman Szene für Szene verfilmen dürfen, anstatt die Handlung in kinotaugliche zwei bis drei Stunden quetschen zu müssen. Ort der Handlung ist zuallermeist die im Verfall begriffene amerikanische Großstadt Baltimore, wo ganze Stadtviertel in der Hand krimineller Banden sind - wobei der Gedanke, ob man die Staatsmacht nicht dazu zählen sollte, im Verlauf der Serie Stück für Stück seine anfängliche Absurdität verliert. Die fünf Staffeln legen den Schwerpunkt jeweils auf einen anderen Aspekt der Stadt und ihrer Institutionen, namentlich in der ersten Staffel einen sozialen Brennpunkt, in dem das Leben ganz von den Aktivitäten einer Dealer- und Mörderbande geprägt ist, anschließend der zunehmend prekären Lage der traditionellen Arbeiterschicht. In den beiden letzten Staffeln widmet sich die Serie der "doppelten Vergesellschaftung" ganzer Generationen von Menschen als Schüler und Nachwuchs-Kriminelle sowie abschließend den Beziehungen zwischen Politik, Polizei, Medien und Gangstern in einer Situation, in der ein allgemeine Sparzwang nur vor letzteren halt zu machen scheint. Ein sozialer Brennpunkt ganz eigener Art steht dazwischen in der dritten Staffel im Mittelpunkt, mehr kann an dieser Stelle jedoch nicht verraten werden, ohne einen zentralen Wendepunkt im Plot vorwegzunehmen.
Durch alle Staffeln hinweg ist The Wire eine zutiefst sozialkritische Serie, die jedoch nie in einen schwarz-weiß-malerischen, moralisierenden Law-and-Order-Diskurs verfällt, sondern im Tonfall nicht der moralischen Entrüstung, sondern des interessierten Sozialforschers und Psychologen fragt, wie es nur so weit kommen konnte, und wieso es immer wieder dazu kommt: Dazu, dass die Polizei keinesfalls mehr in erster Linie daran interessiert ist, jeden Fall aufzuklären; dazu, dass Menschen, die den Willen und die Fähigkeiten mitbringen, die man braucht, um dem Dunstkreis von Drogen und Verbrechen zu entkommen, dies dennoch so selten schaffen; dazu, dass auf beiden Seiten des Gesetzes eine perverse Evolution nach dem Muster "survival of the worst" stattfindet, die integre und wohlmeinende Personen auf der Strecke zurück lässt - schließlich aber auch dazu, dass es in einer derart schlechten Welt trotz allem bisweilen Platz für Liebe, Vergebung, Hoffnung und Wenden zum Besseren geben kann.
Damit zeigt sich auch, dass es in The Wire um weit mehr geht als um das, was vordergründig auf dem Bildschirm zu sehen ist. Letztendlich dringt The Wire zu den großen Fragen der Sozialphilosophie und -forschung vor: Wieso gestaltet sich unser gesellschaftliches Zusammenleben gerade so und nicht anders? Und wie kann eigentlich eine Gesellschaft bestehen, anstatt in völlige Anarchie auseinander zu fallen, wenn das Leben viel mehr vom hobbesschen Krieg aller gegen alle hat als von Adam Smiths Idee, dass es allen gut geht, wenn nur jeder seine eigenen Interessen verfolgt? Was hält unsere Gesellschaft zusammen, wenn der Arm des Gesetzes langsam vor sich hin fault, und wenn ein allgemeiner Wertekonsens höchstens darin besteht, dass man Menschen selbstredend als bloße Mittel zu anderen, nämlich den eigenen, Zwecken benutzen darf? Und zuletzt: Wem nützt all das Elend und Leid, das mit dem Status quo verbunden ist, und lässt sich etwas an der Lage ändern? Seien Sie versichert: Simple Antworten auf komplexe Fragen wird Ihnen diese Serie nicht geben, sie beschränkt sich darauf, die Welt zu zeigen, die all diese Fragen aufwirft. Und das ist auch gut so.
Nach den beiden vorigen Absätzen sollte klar sein, dass The Wire keine Serie zum Sich Wohlfühlen, Nebenbei Schauen oder zum Abschalten nach einem harten Arbeitstag ist. Sie verlangt vom Zuschauer einiges - die Bereitschaft, sich in eine Welt führen zu lassen, die alles andere als heil ist, ist darunter ebenso wie die Fähigkeit, den Überblick über ein gutes Dutzend dynamische, facettenreiche Hauptcharaktere und unzählige Nebenpersonen zu behalten, und schließlich die Bereitschaft, am Ball zu bleiben, obwohl klassische Spannungsbögen meist ebenso fehlen wie klare Protagonisten, mit denen man sich vorbehaltlos identifizieren mag, oder Antagonisten, an denen man nichts Gutes findet.
Wer also nach leichter, wohlschmeckender, en passant genießbarer Kost sucht, der suche anderswo weiter. Wer aber bereit ist, sich auf The Wire einzulassen, wird belohnt mit einer (zumindest in der Originalsprache) atmosphärisch extrem dichten, intellektuell fordernden wie auch anregenden, bei aller Komplexität nie wirren oder sich in Details verlierenden Serie, die ganz ohne Schwarz-Weiß-Malerei und reißerische Bilder von Grausamkeiten auskommt, dabei aber auch nichts beschönigt, und in der wohl jeder Zuschauer zwischen all den Charakteren ein, zwei Sympathieträger finden wird, die ihm - ganz wie echte Menschen - ans Herz wachsen, obwohl (oder weil) sie so unvollkommen sind. Kann man noch mehr verlangen? Ich glaube nicht.
Daher lautet mein Fazit: Bei manchen Filmen wünscht man sich nach einer Stunde, dass es vorbei sein möge. Nach 60 Stunden The Wire - so lange dauern die fünf Staffeln zusammen ungefähr - fand ich es schade, dass keine sechste Staffel existiert. Aber ein Wiedersehen irgendwann in der Zukunft wird es geben, denn ich bin gespannt, was die Serie noch an Entdeckungen für denjenigen bereithält, der als Kenner des Plots die Landschaft am Straßenrand betrachten kann, ohne auf den Verkehr achten zu müssen. Dass da nur Ödnis ist, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Nicht bei diesem Meisterwerk.