Da ich Christopher Lee für eine der schillernsten Gestalten des britischen Kinos halte und ich viele seiner (zugegeben) auch schrecklichen Filme kenne, bin ich beim Durchforsten seiner Filmografie auf den Klassiker "Wicker man" gestoßen, der bei Cineasten einen guten Ruf genießt.
Die Story ist schon in einigen Rezensionen zusammengefasst worden, deshalb spare ich mir das und gebe lieber die Stimmungen und Eindrücke wieder.
Edward Woodward spielt brillant, er ist der sittenstrenge, tiefgläubige, obrigkeitshörige Polizeisergeant, der auf eine geschlossene Gesellschaft stößt, in der die Uhren völlig anders ticken, als er sich es je vorstellen konnte. Er vertraut auf die Autorität seiner Uniform, auf markige Sprüche, mit denen er die Inselbewohner bedroht,auf die Macht seines christlichen Glaubens. Für die Inselbewohner ist jedoch Sergeant Howie der Exot, sie begegnen ihm nicht offen feindselig, sondern mit Spott und Kopfschütteln. Sie frönen ihren heidnischen Gebräuchen und sind dabei äußerst sinnenfroh und fühlen sich durch Howie eben belästigt.
Eine der besten Szenen ist in meinen Augen, wenn der Polizist im Lauf seiner Ermittlung in die Dorfschule kommt und feststellen muss, dass die attraktive Lehrerin ihren Schülerinnen gerade mit ernster Miene Phallussymbole erklärt, da stürzt für den verklemmten Howie wirklich eine Welt ein!
Pausenlos werden Howies unterdrückte Triebe herausgefordert, die schöne Wirtstochter bietet sich ihm an, beim Abendspaziergang muss er an kopulierenden Pärchen vorbeigehen, überall begegnen ihnm Phallussymbole, im Bild und in den Liedern. Kein Wunder, dass der arme Mann keinen Schlaf findet und sich schweißnass zwischen seinen Betttüchern wälzt, aber ist es wirklich der Satan, der in in Versuchung führt?
Als Gegenspieler von Edward Woodward agiert Christopher Lee, der zum Zeitpunkt des Filmdrehs ca. 15 Jahre als Draculadarsteller und Filmbösewicht vom Dienst hinter sich hat. Sein Lord Summersisle ist aber nicht der eindimensionale Bösewicht, wie er ihn sonst verkörpern musste. Eher ist er ein äußerst exzentrischer Aristokrat, der als Herr über die Insel und Oberhaupt der Sekte für das Wohl aller Inselbewohner verantwortlich ist. Er spielt die Rolle mit einem Schuss Selbstironie, die er auch braucht, wenn er die Inselprozession in einem Rüschenkleid tanzend und mit schwarzer Langhaarperücke geschmückt, anführt. Es gibt auch Dialogwitz, als Howie entsetzt feststellt, dass nackte Frauen über ein Feuer springen, antwortet der Lord milde lächeln, dass dies sehr vernünftig sei, da die Kleidung zu leicht Feuer finge...Der Vorteil der Originalfassung besteht darin, dass man Lees Originalstimme hören kann, die für mich das Faszinierendste an ihm ist. Wenn er seine Beschwörungen ausstößt, erinnert mich das an seinen Auftritt als Saruman (there are fell voices in the air!), wenn er den Schneesturm herbeiruft.
Die Wirtstochter, die den verlockenden Köder für Howie abgibt, wird von Britt Ekland gespielt, die in den Siebzigern eine der blonden "Sexbomben" des Films war und auch mal ein Bondgirl für Roger Moore gab. Sie wirkt in ihrer Freizügigkeit ganz natürlich und strahlt eine unbekümmerte Sexualität aus.
Mit Ingrid Pitt in einer Nebenrolle ist noch ein ehemaliger Star der Hammerstudios, eine weibliche Ikone des Horrorfilms, vertreten.
Interessant finde ich, dass man für beide Seiten durchaus Sympathie empfinden kann und die übliche Schwarzweißmalerei, hier der Held, da das Monster, fehlt. Howie ist ein Mann, der an seine Werte und an seinen Auftrag bis zur Selbstaufgabe glaubt, umgekehrt praktizieren die Inselbewohner ihren Glauben in der Überzeugung, dass es der Richtige ist. Wer hat Recht? Man kann in den Film Vieles hineininterpretieren, durchaus auch Kritk am Christentum, wenn es penetrant missionierend auftritt und in seiner Lustfeindlichkeit gegen die Natur handelt. Aber es darf nicht verschwiegen werden, dass das fröhliche Inselvolk bei der Ausübung seines Glaubens auch vor rituellen Opfern nicht zurückschreckt....
Die Stimmung auf der Insel ist sehr gut eingefangen, man nimmt alles aus Sicht des "Eindringlings" war, zunächst der Anflug vom Meer aus, der Eindruck einer wilden, aber wunderschönen Landschaft. Im Vorbeigehen registrieren wir Palmen als Teil der Inselvergetation und stutzen, weil wir dies nicht mit einer schottischen Insel verbinden, Lord Summerisle erklärt dieses Phänomen mit dem Golfstrom...Anfangs sind es nur kleine Hinweise auf die heidnischen Rituale, die am Rand auftauchen, bis diese immer drastischer werden und allmählich auch bedrohlichen Charakter annehmen. Einmal wacht Howie auf und sieht neben seinem Bett eine Wachskerze, die einer menschlichen Hand täuschend ähnlich nachgebildet ist, aus jedem Finger ragt ein Docht. Der entsetzte Blick Howies und die brennende Hand machen einen der gruseligsten Momente des Films aus. Die Szene bereitet den Schrecken am Ende genau vor.
Fazit:
Wicker man ist ein faszinierender Film, der sich nicht ganz einfach einordnen lässt. Ich würde ihn nicht als Horrofilm, sondern eher als "Mystery" bezeichnen, denn die Stimmung des latent Bedrohlichen ist hervorragend eingefangen.
Es ist auch ein interessantes Zeitdokument, das die Hippiezeit mit Rückbesinnung auf Naturreligionen, Druidentum, Wicca etc. gut einfängt.
Schauspielerisch und von der Kameraarbeit immer noch hervorragend, gibt es einen Punkt Abzug für die vielen Gesangseinlagen, das ging doch ab und zu ein Mal zu sehr in Richtung Musical ("Aquarius) und hat mich in diesem zusammenhang gestört.
"Wicker man" ist sicher ein Klassiker, der sich aber nur einer kleineren Fangemeinde und keinem breiten Publikum erschließt, dazu ist er einfach zu verstörend. Entweder man mag ihn oder nicht. I liked it.