WILCOs Achte wurde komplett im sagenumwobenen "Loft" in Chicago gemacht, dem Wilco-Hauptquartier, einer Kombination aus Übungsraum, Studio und gemütlicher Wohnzimmer-Lounge; mit schönen Perser-Teppichen und noch schöneren Musikinstrumenten, klatschfeuchter Traum eines jeden der althergebrachten Rockmusik zugetanen Musikers. Hätte ich ein solches Domizil, ich würde jedenfalls wochenlang keinen Fuß vor die Tür setzen.
Damit aber noch nicht genug vom Hausgemachten: "The Whole Love" ist Wilcos erstes Album auf ihrem eigenen Label dBpm Records. Auf die Kehrseite dieses Umstandes spielten sie schon vor Wochen an, indem sie auf der Rückseite der "I Might"-Single "I Love My Label" coverten, einen herrlich sarkastischen Song des britischen Pubrock-in-allen-Gassen-Grandseigneurs Nick Lowe, der auf der laufenden Tour für Wilco supporten wird. "I Love My Label" befindet sich auch auf der Extra-CD. Komplettisten stellen mal wieder fest, daß sie voreilig Geld ausgegeben haben, freuen sich aber über 2 weitere Songs und eine Alternativversion von "Black Moon", einem düster-zärtlichen Folk-Country-Song. Überhaupt ist so eine 2. CD das beste Argument für den Erwerb der nur unwesentlich teureren Deluxe Edition: Es gibt ja schon genug uninteressante Bonus-DVDs. Schönes Booklet auch, 52 Seiten, Lyrics und Arbeiten der New Yorker Künstlerin Joanne Greenbaum.
Eins ist mal klar: "The Whole Love" ist Wilcos experimentierfreudigstes Album seit "A Ghost Is Born" [2004]. Man kann sich freuen, daß die seit "Kicking Television" [2005] stabile Besetzung aus Jeff Tweedy, Nels Cline, Patrick Sansone, Glenn Kotche, Mikael Jorgensen und Langzeitbassist John Stirrat diesen Weg beschreitet, nachdem sie mit "Sky Blue Sky" [2007] einen Meilenstein amerikanischer Rockmusik einspielte und auf "Wilco (The Album)" [2009] ein wenig in dieser Tradition stagnierte. Die musikalische Klasse dieses besten aller Wilco-Line-Ups und der Wille, mal wieder etwas mehr zu riskieren, machen "The Whole Love" zum derzeit bestmöglichen Wilco-Album, und das ist eine Menge!
Allein der Opener "Art Of Almost" wäre schon ein Grund zum Kauf, selbst wenn sonst nur Blockflötengehupe auf "The Whole Love" wäre: Kryptische Loops, dann wird eine unheilvolle Wand aus String-Sounds und Krach eingeblendet, die Loops verschwinden darin, und endlich füllt Jeff Tweedys Stimme den Raum. Die Loops kommen zurück, John Stirrat steigt ein, und plötzlich schält sich ein Groove heraus. Noch während man ob seiner Gestalt überrascht ist, nimmt er einen mit. Das erinnert indirekt an jüngere RADIOHEAD-Tracks, wo sich aus dem scheinbar Disparaten auch immer etwas Hypnotisches kristallisierte. Nach fast 5 Minuten beginnt der Song, sich zu häuten und endet in einem wilden Jam, über den Nels Cline eins seiner ausgeflippten Soli spielt.
Was für ein Einstieg! Danach schalten Wilco einen Gang zurück. Wir hören ein paar beherzt zupackende Rocksongs, die entweder kühn und clever aus dem unendlichen Fundus zitieren (ELVIS COSTELLO-Orgel und STOOGES-Samples auf "I Might", später noch soulige "Doodoodoo"-Chöre im B-Teil!) oder Wilco plötzlich wieder klingen lassen wie auf dem 1999er Album "Summerteeth" ("Dawned On Me", auf dem Tweedy ein paar ziemlich sorglose Pfeif-Licks pfeift oder das psychedelisch-hymnische "Born Alone"). "Capitol City" dagegen wirkt beim ersten Hören mit seiner Refrainzeile "You wouldn't like it here..." wie ein Cousin des "Sky Blue Sky"-Songs "Hate It Here", und die bei Wilco oft erkennbaren BEATLES-Bezüge lappen mir persönlich einen Tick zu sehr ins McCartney-eske, aber im Kontext der Platte geht das in Ordnung. Denn Wilco machen aus jeder Referenz ihr eigenes Ding, so daß das unglaublich frisch losrockende "Standing" tatsächlich auf frühe BOWIE-Songs (z.B. "Hang On To Yourself") zu verweisen scheint und dennoch ganz und gar Wilco ist. Fantastisch, wie sie sich aus der Klassikerkiste (oder eben ihrer eigenen Wilco-Kiste) bedienen, ohne je ins selbstgefällig Zitathafte abzugleiten! Mehr als ebendas haben Bands wie OASIS ja nie hinbekommen, was aber auch kein Wunder ist angesichts der Dummheit ihrer Alphatiere. Jeff Tweedy hingegen ist ein weiser Mann, der Marschierpulver-verdächtiges Großmannsgehabe nicht nötig hat, nie nötig hatte, auch als er noch medikamenten- und drogenabhängig war.
Die Bonus-CD ist unbedingt zu empfehlen, keine Ausschußware weit und breit. "Message From Mid-Bar" versucht, sich selbst zu demontieren, wie es seinerzeit schon "Via Chicago" tat, bei dessen plötzlich aufbrandenden Gewitterböen unter Tweedys somnolenten Genöle einem live Angst und Bange wurde. Die Bridge des Songs stampft und torkelt, um Fassung bemüht, im Kamelgang durch den Supermarkt, und in den Strophen gibt es nonchalante Taktsprünge. "We're all swine" singt Tweedy, und weil das im Großen und Ganzen stimmt, darf man auch mal etwas derangiert daherkommen. Das Instrumental "Speak Into The Rose" hingegen greift die CAN-Ekstase von "Spiders (Kidsmoke)" auf und wird hoffentlich auch mal im Konzert gegeben.
Am Schönsten ist aber der letzte Song der Haupt-CD, "One Sunday Morning": 12 Minuten, wenige Akkorde und zwei auftaktige Überleitungen auf Westerngitarren, ein getupfter Country-Beat und ein atmosphärisches, assoziatives, nie überladenes und doch zum darin-Wohnen opulentes Arrangement. Gegen Ende scheint es sich aufzulösen, kommt dann noch einmal zurück und vergeht in einem Unendlichkeit suggerierenden Fade. Jeff Tweedys zurückgenommener, fast gemurmelter Gesang ist so unglaublich präsent und gleichzeitig so entrückt, als würde er zu sich selbst singen; als wären nur seine Gefühle und Gedanken laut geworden. Wen das nicht berührt, der ist zu jung, zu doof oder hat kein Herz.