"The West Wing" ist eindeutig eine der besten und intelligentesten Serien des letzten Jahrzehnts. Ich frage mich nur, warum sie es nie ins deutschsprachige Free-TV geschafft hat... aber wenn man sich das hirnlose Einerlei ansieht, das einem derzeit vorgesetzt wird und das scheinbar Quote macht, dann verwundert das nicht.
Was ist nun so besonders an dieser Serie?
* die Charaktere und die Besetzung
Die Serie braucht 10 Minuten, wofür andere ganze Staffeln benötigen - nämlich die Einführung der Charaktere: Sam, der idealistische und charmante Redenschreiber, der manchmal etwas naiv die Welt durch eine rosarote Brille sieht; CJ, die Pressesprecherin, die kein Privatleben hat; Toby, der griesgrämige Kommunikationsdirektor, sozusagen das realistische Pendant zu Sam; Josh, ein brillianter Politiker, der manchmal sein Mundwerk nicht unter Kontrolle hat; und Stabschef Leo, der zwar beruflich alle Bälle in der Luft hält, dessen Ehe aber den Bach runtergeht. Gegen Ende gibt auch noch Präsident Bartlet seinen ersten Auftritt, ein Präsident, der mehr als eine Marionette seines Beraterstabes ist und diesen auch mal wieder zur Ordnung ruft, wenn was aus dem Ruder läuft. Aber was wären die Charaktere ohne die richtigen Darsteller? Die Schauspielerriege ist durch die Bank hochkarätig, und vor allem Martin Sheen (Bartlet), John Spencer (Leo) und Bradley Whitford (Josh) hauchen ihren Figuren Leben ein.
* die Geschichten
Innenpolitische Probleme lösen außenpolitische ab, moralische und gesellschaftliche Fragen werden erörtert, die Charaktere an ihre persönlichen Grenzen gebracht, "Leichen" aus dem Keller geholt... Natürlich ist vieles typisch amerikanisch, die Serie spielt ja im amerikanischen Machtzentrum, vieles hingegen aber auch einfach menschlich, sodass sich jeder, nicht nur der Allerweltsamerikaner, davon angesprochen fühlt. "The West Wing" bedient viele Genres, besonders die zwei aufeinander folgenden Episoden "Das heiße Eisen" und "Der Geheimplan" illustrieren dies wunderbar. Während erstere Folge eine ernste Auseinandersetzung mit der Todesstrafe ist, ist zweitere ein typisches Beispiel von Murphy's Law: Was schief gehen kann, geht schief - und das auf ungeheuer amüsante Weise dargestellt. Und Dramatik pur bietet schließlich auch noch die letzte Folge der ersten Staffel, "Was für ein Tag", mit einem Cliffhanger, der sich gewaschen hat... Aber diese 3 namentlich genannten Episoden sind nur die Highlights einer extrem starken Staffel, die eigentlich keine Schwachpunkte hat.
* die deutsche Fassung
Wenn man die Originalversion kennt, dann ist vor allem Joshs Synchronstimme ausgesprochen gewöhnungsbedürftig. Bislang habe ich mich noch nicht ganz mit ihr anfreunden können, muss ich ehrlich gestehen. Aber gut, die deutsche Box habe ich auch eher gekauft, um die Serie Leuten vorstellen zu können, die sich eben die OV *nicht* zutrauen. Was Duzen/Siezen anbelangt, so stört mich ein wenig die Darstellung des Verhältnisses von Bartlet und Leo. Die beiden sind beste Freunde, und obwohl es beruflich Sinn macht, wenn Leo Barlet siezt, so hat mich das in der einen Szene in "Der Präsident in Bedrängnis", als Leo Bartlet nach dem Gespräch mit Abbey aufsucht, enorm gestört. Da passte das Siezen nicht, denn da sprach Leo mit seinem besten Freund, nicht der Stabschef mit dem Präsidenten. Auf der anderen Seite aber waren die Synchronisatoren immerhin so geschickt, den eklatanten Fehler in der OV der Pilotfolge mit der korrekten Benennung der 10 Gebote richtig zu stellen. Das hat mir wiederum sehr gefallen...
* Fazit
"The West Wing" liefert einen faszinierenden Einblick in die mutmaßlichen Vorgänge im Weißen Haus. In späteren Staffeln wurde die Serie schließlich zum Kontrapunkt zu Bushs Politik... und was hätte ich darum gegeben, wenn schon nicht einen Präsident à la Bartlet in Realität, so zumindest im TV "West Wing" im Kontext der Bush-Administration zu erleben.
Mir bleibt nur die Hoffnung, dass auch noch die restlichen Staffeln ihren Weg in den Handel finden: Die Serie verdient es allemal, einem großen Publikum zugänglich gemacht zu werden! Von mir jedenfalls eine 100%-ige Kaufempfehlung.