So, jetzt habe ich Staffel 3 fertig. Ich muss leider sagen, dass sie im ganzen nicht mehr so genial ist wie die zweite Hälfte der 2.Staffel.
Die Staffel fängt an mit einer Sonderfolge, die nicht direkt die Ereignisse des 11.September aufgreift, aber den Konflikt um islamischen Extremismus thematisiert, die Hintergründe und Zusammenhänge nachdenklich und ausgewogen analysiert und hinterfragt. Es stört etwas der pathetische Vorspann, in dem die Schauspieler direkt zum Publikum sprechen (das ist halt Amerika) und es kommen auch keine Gedanken vor, die einen als besonders orginell vom Hocker reißen, aber wie es dramaturgisch aufgebaut ist, ist ganz große Klasse: Sehr ruhig, keine große Aufregung, zwei abgegrenzte Orte wie die abwechselnd beleuchtete linke und rechte Seite einer Theaterbühne. Intensives, eindringliches, kammerspielartiges Spiel. Speziell der eine Schauplatz, in dem sich in klassischer Theatermanier die Szene und die Gedankenwelt durch das immer neue - unaufgeregte - Hinzukommen wichtiger Akteure immer mehr weitet, ist sehr beeindruckend. Ganz stark gemacht!
Dann geht es erstmal auch sehr gut weiter. Die Hauptcharaktere werden weiter vielschichtiger dargestellt. Sie haben Konflikte und machen Fehler. Speziell die Auseinandersetzung mit neu hinzukommenden Wahlkampfberater, die den Platzhirschen Arroganz und Fehler vorwerfen, ist interessant und packend. Der Präsident und seine Beziehung zur First Lady entwickeln sich weiter, ernsthafter; die Charaktere von Toby, Josh und Sam bekommen durch Geschichten mit (Ex-)Frauen etwas mehr Kante und Farben (speziell Marie Louise Parkers Geschichte mit Josh ist eine echte Bereicherung). Oliver Platt als juristischer Beater ist super und Folge 10 wirft einen sehr intelligenten und berührenden Blick auf Leos Alkoholsucht. Aber dann...
.... verliert die Staffel irgendwie ihre Form. Die Geschichten werden etwas belangloser, laufen unzusammenhängender und weniger abgestimmt nebeneinander her. Wichtige Charaktere wie Sam verschwinden zu stark aus dem Fokus. Tatsächlich oder manchmal nur vermeintlich witzige Seitengeschichten mit Donna bekommen zuviel Gewicht. Handlungsstränge werden aufgebaut und einfach für 2-3 Folgen fallen gelassen. Die neu eingeführten Charaktere fallen einfach mal für eine ganze Zeit lang raus, tauchen dann aber mal wieder kurz auf, als seien sie immer dagewesen. Und ich hatte hier auch zunehmend Probleme, einzelnen politischen Winkelzügen zu folgen. Um keine Missverständnisse auftauchen zu lassen: Auch in dieser Phase ist es immer noch erstklassige Fernsehunterhaltung, witzig, intelligent, mit hohem Tempe und sehr gut gespielt. Aber es ist eben 'nur' sehr gutes Handwerk, nicht mehr wirklich herausragend. Konsequenterweise ist dann auch die finale Episode etwas enttäuschend. Das bestimmtende persönlich-tragische Element ist zu stark durch einen groben Schnitzer eines Helden begründet, eine wichtige und umstrittene Entscheidung des Präsidenten wird zu schwach begründet. Aber immerhin gibt es in den letzten fünf Minuten ein Gespräch zwischen Jed Bartlet und seinen zukünftigen Herausforderer, das wieder Dialogkunst auf höchstem Niveau ist. Und solche einzelnen Höhepunkte finden sich auch immer wieder in allen Folgen vorher, etwas im Gespräch Bartlets mit einem Psychiater oder mit seinem Vizepräsident über dessen Alkoholprobleme (die seit der 1.Staffel bekannt sein). Im ganzen also immer noch ein Höhepunkt der Fernsehlandschaft.