Der in meiner Rezension zu
Haiku: A Novel (Vintage Crime/Black Lizard Original) beschriebene Eindruck setzt sich mit "The Weight" fort. Der Meister schwächelt ein wenig. Zum Plot: Der Berufsverbrecher Sugar gesteht mit Kalkül eine von ihm nicht begangene Vergewaltigung und nimmt eine mehrjährige Haftstrafe in Kauf, um die Aufklärung eines von ihm zusammen mit Kumpanen zur gleichen Zeit tatsächlich begangenen großen Juwelenraubes zu verhindern, dessen Früchte er später noch genießen möchte. Nach der Haftentlassung besucht er seinen Partner Solly, der den Raub seinerzeit plante. Solly gibt sich großzügig und versorgt Sugar mit reichlich Geld und einer neuen Identität. Trotzdem beschleicht Sugar das Gefühl, dass Solly irgendetwas im Schilde führt. Solly überzeugt Sugar, nach Florida zu fahren, dort die Lebensgefährtin seines verstorbenen Partners Albie aufzusuchen und von dieser ein geheimnisvolles Buch aus Albies Nachlass in seinen Besitz zu bringen. Bei dieser Gelegenheit soll Sugar auch gleich noch einen unzuverlässigen Mitwisser des Juwelenraubes ausschalten. In Florida nimmt die Story dann viele überraschende Wendungen, am Ende weiß niemand mehr, wer wem trauen kann.
Das Buch zerfällt stilistisch in zwei Teile, man könnte fast den Eindruck gewinnen, Vachss hätte sie mit größerem zeitlichen Abstand verfasst. Der erste Teil reicht bis zur Fahrt nach Florida in etwas der Mitte des Buches. Dieser Teil ist durch Sugars Selbstreflexionen über seine Gefängniszeit sowie lange Dialoge mit Solly geprägt. Diese Dialoge sind anstrengend zu lesen, da sie aus seitenlangem "con speak" bestehen, in dem ähnlich dem "gangsta slang" der Burke-Romane alle nur in Bildern und vagen Andeutungen reden, ohne klipp und klar zu sagen, worum es eigentlich geht. Anschließend sinnieren die Beteiligten tagelang darüber nach, was der Andere mit seinen geheimnisvollen Andeutungen wohl gemeint haben könnte. Es mag ja sein, dass die New Yorker Unterwelt einen etwas eigenwilligen Kommunikationsstil pflegt, wenn es jedoch so dick aufgetragen wird wie bei Vachss, wäre das organisierte Verbrechen wahrscheinlich längst an Ineffektivität zugrunde gegangen. Spannung kommt im diesem Teil des Buches kaum auf. Das ändert sich schlagartig mit der Fahrt nach Florida. Dann kann man das Buch kaum noch aus der Hand legen. Wie auch bei anderen Vachss-Büchern (am extremsten wahrscheinlich in
Two Trains Running: A Novel) bleibt der Showdown am Ende etwas undurchsichtig und der Leser wird nicht wirklich aufgeklärt, was hinter den Kulissen tatsächlich passiert ist. So wurde Albie zu Lebzeiten regelmäßig von furchteinflößenden, sog. "hard men" besucht, bei denen es sich nicht um seine üblichen Verbrecherkollegen handelte. Die Flucht vor den "hard men", die ebenfalls auf Albies Nachlass scharf sind, ist dann das zentrale, die Handlung im zweiten Teil vorantreibende Moment. Bis zuletzt wird nicht erklärt, wer die "hard men" eigentlich sind, man erfährt nur, dass es sich um Juden handelt (sprechen mit Albie Jiddish, auch Albie und Solly sind Juden) und dass Sugar solchen kalten Typen mehrfach auf dem Gefängnishof begegnete. Erst von einem amerikanischen Leser erfuhr ich, dass es sich bei den "hard men" um eine Anspielung auf eine früher in New York agierende, auch als "Kosher Nostra" bekannte Judenmafia handelte, bekannt vor allem durch den Gangsterboss Meyer Lansky.
Fazit: Wenn man sich auf den ersten 100 Seiten nicht entmutigen lässt, entwickelt das Buch im zweiten Teil durchaus Potenzial und ist zumindest eine Empfehlung für Vachss-Fans.