So bedeutend Sir Georg Solti als Dirigent sinfonischer Musik war, so erfolgreich mit seinen Einspielungen der Opern von Mozart, Verdi oder Richard Strauss, denkt man bei seinem Namen doch zunächst an seine Wagner-Einspielungen, v. a. an seine Gesamteinspielung des Rings des Nibelungen - die erste Studio-Produktion des gesamten Rings überhaupt.
Jetzt hat die Decca zum 100. Geburtstag ihres großen Stars eine Box mit Aufnahmen aller 10 von Wagner selbst für die Bayreuther Festspiele autorisierten Opern heraus gebracht - angesichts des Inhalts von 37 (!) CDs ein echtes Schnäppchen. Insgesamt sind alle Aufnahmen historisch bedeutend und sorgfältig produziert. Im einzelnen enthält die Box - nach Aufnahmedatum sortiert - folgende Aufnahmen:
- Der Ring des Nibelungen (1958 - 65):
-Das Rheingold (mit George London, Set Svanholm, Kirsten Flagstad, Wiener Philharmoniker u.a)
-Die Walküre (mit James King, Régine Crespin, Birgit Nilsson, Hans Hotter, Wiener Philharmoniker u.a.)
-Siegfried (mit Birgit Nilsson, Wolfgang Windgassen, Hans Hotter, Wiener Philharmoniker u.a.)
-Götterdämmerung (mit Birgit Nilsson, Wolfgang Windgassen, Wiener Philharmoniker u.a.)
Die berühmte Einspielung hat heute noch viele Fans, ist aber in der Rückschau etwas uneinheitlich - auch durch die lange Entstehungsdauer bedingt: Durchgehend großartig das Rheingold, eine große Ensembleleistung die Götterdämmerung, Siegfried und v. a. die Walküre leiden unter dem indisponierten Hans Hotter. Die frühe Stereotechnik mit im Verhältnis zu den Sängern sehr lautem Orchester - besonders die knalligen Blechbläser - und einigen merkwürdigen Soundeffekten überzeugt nur noch bedingt.
-Tristan und Isolde (1960): (mit Birgit Nilsson, Fritz Uhl, Regina Resnik, Tom Krause, Arnold van Mill, Wiener Philharmoniker u.a.)
Solti lässt gerade im Vergleich zum knalligen Ring sehr sensibel und feinnervig musizieren. Selten hat man Birgit Nilsson so vorsichtig singen hören - mir gefallen ihre Live-Mitschnitte als Isolde mehr. Uhl überzeugt als Tristan nur bedingt. Resnik ist eine mütterliche Brangäne, Krause und van Mill eine gute Wahl als Kurwenal und Marke.
-Tannhäuser (1970): (mit René Kollo, Helga Dernesch, Victor Braun, Christa Ludwig, Hans Sotin, Wiener Philharmoniker u.a.)
Eine der ganz großen Aufnahmen der Pariser Fassung der Oper - unschlagbar Ludwigs Venus als erotisches Überweib, sehr überzeugend Kollos Titelheld, balsamisch Brauns Wolfram, auch die übrige Besetzung musiziert sich mit Solti in einen Rausch.
-Parsifal (1972): (mit René Kollo, Hans Hotter, Christa Ludwig, Gottlob Frick, Dietrich Fischer-Dieskau, Wiener Philharmoniker, u.a.)
Ähnlich überzeugend wie der Tannhäuser, mit einigen großartigen Spätleistungen (Frick!) und einer wunderbar singenden Kundry (Ludwig).
-Die Meistersinger von Nürnberg (1975): (mit Norman Bailey, Hannelore Bode, Bernd Weikl, René Kollo, Kurt Moll, u.a.)
Leider die weniger überzeugende von Soltis Meistersinger-Aufnahmen: Bailey singt schön, aber etwas ausdrucksarm und nicht akzentfrei, Kollo stemmt mehr als in der früheren Karajan-Aufnahme, Weikl chargiert. Langatmige Tempi, wenig Temperament. Tipp: Noch die
zweite Aufnahme (mit van Dam, Heppner, Pape, Mattila) dazu kaufen, in der Solti der Komödie auch vertraut, und die Sänger besser harmonieren.
-Der fliegende Holländer (1976). (mit Norman Bailey, Janis Martin, René Kollo, Martti Talvela, Chicago Symphony Orchestra, u.a.)
Großartig dirigiert, leider außer Talvela keine gleichwertigen Sängerleistungen, ordentlich, nicht sensationell.
-Lohengrin (1986): (mit Jessye Norman, Plácido Domingo, Hans Sotin, Siegmund Nimsgern, Eva Randova, Wiener Philharmoniker u.a.)
Sehr schön, aber etwas blutarm und temperamentlos musizierte Aufnahme, Domingo radebrecht sich durch den Text. Der Rest ist Schönklang, aus dem die hysterische Ortrud der Randova heraussticht.