1981, mit 11 Jahren, kaufte ich mir als junger ABBA-Fan und Alles-Aufsauger, was die 4 Schweden erschufen, die LP "The visitors" und schon damals erkannte ich, dass hier etwas anders gelaufen war. Diese Musik glitterte nicht mehr oder füllte gar Tanzflächen. Mit ABBA war etwas geschehen!
Das Cover, die Titel/Themen und die gesamte nicht ganz kontinuierliche Stilrichtung machten es einigen Musikfans in den 80ern nicht ganz leicht, ABBA noch als die favorisierte Popgruppe zu empfinden, schließlich waren Visage, Nena, Hubert Kah und Madonna im Anmarsch. Gereifte Popmusik für Erwachsene oder mitwachsende Fans wirkte für viele vielleicht nicht mehr frisch, zu konservativ oder brav, zumal diese stilvolle Zusammenfassung nicht wirklich zum Abfeiern taugte.
Im Laufe der folgenden und vergangenen Jahre habe ich immer wieder süchtig auf dieses Meisterwerk zurückgegriffen, welches sich letztendlich zwischen Edel-Pop, Poetry und Musical bewegt und mußte feststellen, dass ich als Kind die Musik zwar liebte (es war schließlich ABBA), aber verstehen, aufsaugen und leben konnte ich die Cd erst später und ich bin bis heute dem schönen edlen Schwermut, der Eckigkeit und dem Herbstlichen verfallen, die in jeder Note, mit jedem Ton und in jedem Wort mitschwingen.
Entweder muß man aus dieser Zeit kommen oder ein bißchen älter sein, aber da geht einiges. Ich behaupte mal, hier ist mehr ABBA drin, als in vielen anderen Alben, nicht nur, weil thematisch auch Trennungen und Abschiede verarbeitet wurden, auch sind die Songs nicht auf Hit getrimmt - sie klingen authentischer, unaufgesetzt und deutlich stimmungsvoller. Man konnte sich nur schwer auf eine Single-Auskopplung einigen, ONE OF US und HEAD OVER HEELS sind zwar genial, aber keine typischen Chart-Topper.
Der Titelsong THE VISITORS lauert schon mit ungewohnter Frida-Quäke-Stimme und treibenden verzerrtem Refrain auf. WHEN ALL IS SAID AND DONE und SLIPPING THROUGH MY FINGERS, mit das Beste was ABBA insgesamt zu bieten hat, klingen auch heute weder altmodisch, noch verstaubt und tauchen auch zu Recht als Höhepunkte im MAMMA MIA-Film und Musical auf.
Nie zuvor gab es ein derart phärisches Stück wie LIKE AN ANGEL PASSING THROUGH MY ROOM, begleitet vom Ticken einer Uhr- und Spieluhrklängen oder ein so dramatisches und theatralisches Stück wie I LET THE MUSIC SPEAK - beides mitreißender reifer Pop auf allerhöchstem Niveau. Ebenso die Bonus-Ergänzungen THE DAY BEFORE YOU CAME und ONE OF US-B-Seite SHOULD I LAUGH OR CRY, welche aufs erste Ohr etwas monoton und gleichgültig scheinen, jedoch ihre Perfektion später und gänzlich entfalten, wenn man genau hinhört.
Insgesamt für mich ABBAs edelster Meilenstein, schwermütiges und poetisches Abschiedsgeschenk, ein Stück mehr wahres Gesicht, hinter den Glitzerstiefeln und Pannesamtkostümchen und Beweis größter Fähigkeit im Songwriting.
Wer das Album kennt, wird wie ich genervt sein, dass immer wieder nur Elvis und die Beatles zu Musikhelden ernannt und erkoren werden und wer dieses Album liebt, wird an ABBA gar nichts mehr belächeln. Es ist meine Zeit, mein Sound, meine Romantik und mein absolutes Lieblingsalbum - es ist meine Herzensempfehlung, die definitiv nicht objektiv sein kann.
Ein Sternenmeer für dieses Werk!
STERNENMEER DELUXE:
Bei der DVD hatte ich mit dem ZDF Show-Express gerechnet, bekam stattdessen mir zwei unbekannte andere TV-Mitschnitte aus Schweden und England, welche die DVD sehr sehenswert machen - Luxus ist trotzdem etwas anderes.
Der Audio-Sound ist nochmal dichter und besser, vor allem beim Titelsong, SOLDIERS, I AM THE CITY und THE DAY BEFORE YOU CAME. Der TWINKLING STAR (mehrere LAAPTMR-Demos aneinander gereiht) ist >niedlich< und hat wirklich seine Momente, aber man hätte hier echt anders, mit kompletten Versionen oder anderen Songs noch einen draufsetzen können.
Mit den nun aber offiziell letzten 16 Titeln auf Cd im Supersound und an die 74 Minuten Spielzeit ist und bleibt es ein perfektes Album, alt und remastered - ABBA, THE VISITORS - 1981.