Dass Loreena McKennitt mit ihrem Album "The Visit" der Durchbruch gelang ist nicht weiter verwunderlich, wenn man sich diesem musikalischen Wunderwerk nähert. In der Entwicklung des typischen McKennitt-Stiles ist "The Visit" auf jeden Fall ein markanter Wegweiser, wird doch hier bereits angedeutet, welchen Weg diese wunderbare Künstlerin gehen wird. Zwar ist es richtig, dass der Großteil der Stücke von Musik keltischen Ursprungs und irischer Weisen dominiert wird, doch ist klar zu erkennen, dass Loreena McKennitt sich bereits für die orientalischen Klänge zu interessieren beginnt; welche die weiteren Werke entscheidend und immer mehr beeinflussen werden! Instrumente aus dem Morgenland beginnen schon auf diesem Album die musikalische Gestaltung auszuschmücken.
Wie immer besticht Loreena McKennitt mit ihrer unglaublichen Stimme, mit der sie die jeweiligen Themen und Stimmungen der verschiedenen Lieder eindringlich und packend vertritt. Der gekonnte Einsatz der Instrumente durch die herrausragenden Gruppe um die kanadische Künstlerin rundet das musikalische Kunstwerk erneut ab.
"The Visit" startet mit dem mitreißenden "All Souls' Night", ein Lied, dass das keltische Neujahrsfest beschreibt. Eine mysthische Atmosphäre und vollendete Harmonie von Loreena McKennitts wunderbar eingesetzter Stimme und der musikalischen Leistung des Ensembles verleihen diesem Stück eine einzigartige Stimmung. "All Souls' Night" ist wirklich wie ein Fest, das mit einem betörendem Zauber den Zuhörer gefangen nimmt aber ihn durchaus mit einer gewissen Fröhlichkeit mit hineinpackt und zum Tanze auf jenem Fest auffordert. "Between The Shadows" ist ein schönes Musikstück, schlicht und ohne jeden Gesang; es würde wohl nicht einmal jeder noch so poetische Text das auszudrücken imstande sein, was die Musik vermitteln will. Sanfte Harfenklänge und der perfekte Einsatz der Geige zeigen wiedereinmal das hohe musikalische Niveau, das Loreena McKennitt verspricht. "The Lady of Shalott" ist ebenso schön und faszinierend, da es zum einen eine sehr gute aber auch traurige Geschichte aus dem Bereich der Artus-Sage erzählt, zum anderen die Tendenz der Künstlerin verdeutlicht, Gedichte zu vertonen!
"Greensleeves" -wer kennt es nicht- klingt für manche vielleicht etwas eigentümlich, passt aber wunderbar ins Konzept von "The Visit" und zeigt eine der vielen Facetten der Sängerin und ihrer Musik. "Tango to Evora" hat v.a. einen anpruchsvollen Charakter und weiß durch richtigen Takt und eine gewisse melancholisch-leidenschaftliche Stimmung zu überzeugen. Bei manchem mögen beim Hören die Füße kribbeln, wenn man diese mit viel Kraft dargebrachte Tango-Stimmung in sich aufnimmt.
Ein Glanzstück der ganzen CD ist wohl "The Old Ways". Dieses Stück ist atemberaubend schön und erzählt von unvorstellbar traurigen Gefühlen, in die man als Zuhörer sprichwörtlich "eintauchen" kann. Es mag durchaus sein, dass Loreena McKennitt hier persönliche Erlebnisse und Erfahrungen miteingearbeitet hat, wer sich etwas über ihre Biographie kundig gemacht hat, wird wissen, welches Ereignis hiermit angedeutet sein soll. "The Old Ways" ist eines der persönlichsten Lieder, die die Künstlerin bisher kreiert hat, und meiner Meinung nach auch eines der schönsten Musikstücke überhaupt.
Loreena McKennitts Neigung, ihre Werke von den Worten berühmter Schriftsteller abschließen zu lassen, ist in "Cymbeline" verwirklicht und offenbart sich als gekonnte Abrundung eines durchaus anspruchsvollen und in allen Punkten überzeugenden Albums.