Bedenkt man die Tatsache, dass die Hauptsongwriter der schwedischen Band Scar Symmetry seit jeher die Gitarristen Kjellgren und Nilsson waren, so mutet es fast ein wenig unfair an, wie viele Leute die Band mit dem Weggang von Goldkehlchen Christian Älvestam fast schon als gestorben ansahen.
"Dark Matter Dimensions" bewies denn auch schließlich auf nicht ganz so positive Weise wie erhofft, wo die tragenden Pfeiler der Band liegen. Das neue Sangesduo Karlsson und Palmqvist ließ kaum Wünsche offen, dafür langweilte aber gerade das Songwriting.
Vielleicht ist es ebenso unfair, dass er seit dem Weggang Älvestams merklich abgeflacht ist, der Rummel um Scar Symmetry, andererseits ist dieser Umstand vielleicht auch ganz günstig, insofern er Kjellgren und Nilsson wieder mehr Raum für Ideen und Spielereien lässt.
Jedenfalls drängt sich beim Hören des neuesten Werkes "The Unseen Empire" der Eindruck auf, dass hier wieder deutlich offener an die Grundrezeptur herangegangen wurde.
Dabei hat sich freilich nur wenig Grundlegendes geändert. Gespielt wird noch immer Melodic Death Metal mit Stilelementen der moderneren Metalszene und leichter Powermetal-Schlagseite.
Jedoch ist der Melodeath-Anteil des Materials im Vergleich zu "Dark Matter Dimensions" deutlich in dir Höhe geschraubt. Das sägende, zeitweise an Meshuggah angelehnte, Stakkato findet fast nur noch im Hintergrund statt, die Führung übernehmen die ausladenden Leadmelodien, pumpenden Death-Grooves und diversen Interludes, unter denen freilich auch wieder massig Soli sind.
Im Hintergrund untermalen Synths, die wie gewohnt eher luftig-beschwingt, fast poppig, angelegt sind. Aufgrund der dichteren Melodien des Gitarrenduos rücken jedoch auch die Synths etwas in den Hintergrund und vermengen sich stärker mit den Instrumenten, was für einen satteren, fulminanteren Sound sorgt, als das noch auf dem Vorgänger der Fall war.
Die Songs an sich sind derweil ausladender konzipiert, zwar hat jeder klar identifzierbare Refrain- und Bridgepassagen, doch werden diese aufwändig in Szene gesetzt und geraten raumgreifend und erscheinen erfrischend wenig auf Kompaktheit getrimmt. Etwas schade ist jedoch, dass erneut viele der Refrains zwar Ohrwürmer bereithalten, jedoch etwas seicht geraten sind, gerade was die Instrumentierung angeht. Nahezu immer nimmt der Refrain das Tempo zurück und lässt wenig ernsthaft Bestaunbares abseits des Gesanges übrig.
Gerade letzterer sorgt allerdings dafür, dass sich zwischen den wiederkehrenden Passagen so einiges abspielt, da er deutlich weniger formulaisch eingesetzt wird, als auf "Dark Matter Dimensions". Klargesang taucht in den Strophen auf, extremer Gesang in den Refrains. Wobei der Klargesang diesmal in vielen Liedern deutlich die Führung übernimmt, was dezent an "Holographic Universe" erinnert. Das gibt dem Material auf der einen Seite einen epischeren Anstrich, auf der anderen Seite wirkt es dadurch hier und da etwas zahnlos.
Instrumentell lockern Synthspielereien, progressive Ausflüge und fast akustische Passagen die Songs ebenso auf, wie die gewohnten, aber diesmal selteneren, Querverweise auf Strapping Young Lad und Meshuggah.
Trotz leichter Ermüdungserscheinungen im Refrain mancher Songs, dem dann und wann aufkommenden Gefühl, dass ein etwas knackigeres Riff an dieser Stelle vielleicht doch besser gewesen wäre und einigen Synthpassagen, die gefährlich stark nach denen vergangener Alben klingen, gibt es auf "The Unseen Empire" weder auf Songebene noch auf Albumebene ernsthafte Ausfälle.
Denn das Album schafft es, und da ist sie eben wieder die am Vorgänger vermisste Tugend Scar Symmetrys, in jedem Moment, in dem es gerade droht, langweilig, redundant oder repetitiv zu werden, eine Gitarrenmelodie, ein Riff, eine Gesangslinie oder eine Hommage einzuflechten, die einem sofort ein breites Grinsen aufs Gesicht zaubert.
So ganz auf dem alten Kreativitätsniveau scheinen die Schweden noch nicht angekommen zu sein aber es lässt sich mit voller Inbrunst behaupten, dass sie wieder auf geradem Wege in diese Richtung sind. "The Unseen Empire" ist ein Brett aus epischen, modernen Melodeath Hymnen, dass deutlich zeigt, dass Scar Symmetry ihre Kernqualitäten weder auf Gesangsebene, noch instrumentaler Ebene, noch songwriterischer Ebene verloren haben.