Als Fan von Elton John's Siebziger-Werken war ich recht unruhig, ob die Vorabrezensionen mit ihren Vergleichen mit Geniestreichen wie "Tumbleweed Connection" oder "Honky Château" recht haben würden. Gleich vorab: Haben sie.
Mit den letzten drei Alben ab "Songs From The Westcoast" war Elton John bereits zu seinen Wurzeln im Blues und Soul zurück gekehrt. "The Union" aber kann noch mehr. Die Zusammenarbeit mit seinem alten Idol und Mentor Leon Russell ist wie eine Frischzellenkur für Elton John. Eine derartige Spiellaune, einen solchen Enthusiasmus hat man schon lange nicht mehr erlebt; fast sieht man wieder den energiegeladenen jungen Mann vor sich, der in den Seventies die Musikwelt von hinten aufrollte. Im Mix mit der dazugekommenen Reife ist das eine unwiderstehliche Mischung. Auch hat Elton John wieder eine Gesangstechnik gefunden, die besser zu seiner in den Bariton gesunkenen Stimmlage passt.
Nicht vergessen werden sollte hier aber der Musiker, den auch Elton als Star dieses Albums sieht: Leon Russell. In den USA eine Legende, hierzulande zu Unrecht nur Insidern bekannt. Seine sehr eigene, nasale Stimme ist sicher gewöhnungsbedürftig. Allerdings weiß er sie perfekt einzusetzen, und gerade im Zusammenspiel mit Elton's Bariton erzeugt das wirklich Gänsehaut. Ebenso wie das Klavierspiel der beiden. Jeder hat seinen eigenen virtuosen Stil, beide zusammen sind einfach unschlagbar. Die Chemie ist hörbar, nicht zuletzt, weil die meisten Klavierpassagen live gemeinsam im Studio eingespielt wurden. Gospelchöre und Bläsersätze runden das Ganze ab.
Die Kompositionen sind in der Qualität durchweg erstklassig, wie bei diesen Vollblutmusikern kaum anders zu erwarten. Überwiegend mit Texten von Bernie Taupin, mal mit Musik von Elton, mal von Leon. Mal arbeiten die beiden zusammen, mal mischt T-Bone Burnett, der Producer mit, auch er eine Koriphäe in Blueser-Kreisen. So wird es nie langweilig, und trotzdem gehören die Songs auf "The Union" einfach stimmig zusammen. Illustre Gastmusiker wie Neil Young, Brian Wilson oder Grace Jones sind noch das Sahnehäubchen.
Für Liebhaber von "Candle In The Wind" und "Circle Of Life" ist dieses Album wohl nichts. Wer aber weiß, was Elton John wirklich drauf hat oder es herausfinden will, der sollte zugreifen. Und Lust, das Werk von Leon Russell zu erkunden, macht "The Union" eindeutig. Für mich das Album des Jahres!