(bezieht sich auf die
reclam-Ausgabe)
Die
deutsche Übersetzung residiert nicht zu Unrecht hierzulande schon seit über einem Jahr auf diversen Bestsellerlisten, denn dahin gehört sie. Aber was ein echter Anhänger von HM Elizabeth II ist, der will selbstverständlich auch mal den Originalton lesen und außerdem wissen, was es mit diesem legendären Queen's English so auf sich hat. So unterhaltsam kann man seine womöglich etwas brachliegenden Englischkenntnisse nicht jeden Tag aufpolieren, erstrecht nicht als popliger "common reader". Wenn's diesen O-Ton dann auch noch als wohlfeile Volksausgabe gibt, reclam-typisch angereichert mit Vokabelerläuterungen zuhauf, Literaturhinweisen und einem Nachwort, dann stellt sich die Frage "zugreifen oder nicht?" erst garnicht, auch dann nicht, wenn man die bibliophile deutsche Version im Regal stehen hat.
Daher zunächst ein paar Anmerkungen zur reclam-Ausgabe: Die positiven Aspekte überwiegen eindeutig. Der ungekürzte Text ist großzügig mit typographisch klar abgesetzten Vokabelerläuterungen gesegnet (benutzerfreundlich jeweils auf der unteren Seitenhälfte). Der editorischen Notiz zufolge hat der Herausgeber so gut wie alle Vokabeln erläutert, die nicht in
Kletts "Thematischem Grund- und Aufbauwortschatz" zu finden sind. Freilich war der Herausgeber hier oft etwas zu betulich; Vokabeln wie z.B. "ukulele" oder "nightmare" dürften wohl doch den meisten Lesern hinreichend bekannt sein. Erfreulich hingegen sind die Aufnahme etlicher falscher Freunde (z.B. mundane, handy) sowie die Hinweise, wenn Redewendungen eher umgangssprachlich sind.
Damit wären wir allerdings bei einem echten Manko angekommen: Allgemein kommen Hinweise auf stilistische Eigenschaften etwas kurz. Hinweise auf Umgangssprachliches sind allemal gut, aber entsprechende Vermerke auf die Schibboleths der Upper Class oder sprachliche Eigenheiten älterer Briten mit auserlesener Schulbildung fehlen fast ganz. Lesern, die hier nicht firm sind, entgehen wichtige Feinheiten des Originals. Ebenso dürftig sieht's aus bei den landeskundlich bedeutsamen Nebenbedeutungen von Orten, Namen oder Zitaten. Dass gelegentlich die deutschen Buchtitel erwähnter Romane nicht im Anmerkungsapparat vermerkt werden, geht noch als Flüchtigkeitsfehler durch (z.B. "Warten auf Godot", "Portnoys Beschwerden"). Mehr Erläuterungen jener Art wie der zu W.E.G. Gladstone oder Jonathan Swift wären in der nächsten Auflage jedenfalls wünschenswert, während es fürs Verständnis des Romans völlig unnötig ist zu erfahren, dass Joseph Conrad polnischer Abstammung ist; derlei Informationen schrammen hier haarscharf an den Grenzen zur Realsatire entlang.
Noch nicht einmal das berühmt-berüchtigte "one" wird erklärt -- klar kapiert jeder Leser, was "One has been everywhere, seen everything and though one might have difficulty with pop music and some sport, when it comes to [...] the principal exports of New South Wales, I have all that at my fingertips" wörtlich bedeutet -- aber da schwingt eben auch eine hochoffiziöse Stilebene mit. Und ohne die kommt auch der Clou nicht recht zur Geltung, wenn Her Majesty später buchstäblich ihren eigenen Stil findet -- "Do try the trifle. It's wicked" ist schließlich ein umwerfendes Queen's English, das man so nicht erwartet hätte.
Die Literaturangaben sind wie nicht anders zu erwarten, umfangreich, ohne einen gleich zu erschlagen. Was das Nachwort betrifft: Alan Bennett wird kurz und anschaulich vorgestellt, das ist erfreulich. Was der Herausgeber hingegen zum Roman selbst anmerkt, braucht man nicht lesen; darauf kommt man auch selber.
Und jetzt zur uncommon Leserin (mit "souverän" hat sich der deutsche Übersetzer gut aus der Bredouille gerettet, die die Vieldeutigkeit des Originals hier einem Übersetzer beschert):
Eigentlich sind diese unerträglichen königlichen Welsh Corgies dran schuld, dass sich die Queen mit dem französischen Staatspräsidenten beim Dinner über Jean Genet austauschen will. Diplomatische Bredouille de luxe... Da haben diese Mistviecher wieder mal was angerichtet.
Aber der Reihe nach: Eines Nachmittags sind diese königlichen Köter beim Gassigehen der Queen ausgebüxt und haben Her Majesty schnurstracks zur "travelling library" vom Bezirk Westminster geführt. Majestät will selbstverständlich den Bibliothekar nicht in Verlegenheit bringen und sich, wie es sich in einer Bibliothek gehört, ein Buch ausleihen. Aber welches? Bücherlesen ist schließlich ein Hobby. Hobbys wiederum sind persönliche Vorlieben, und derlei schickt sich nicht für ein Staatsoberhaupt, denn es schließt Untertanen aus, die diese Vorliebe nicht teilen. Andererseits darf man einen Bibliothekar, auch er ein Untertan Ihrer Majestät, nicht düpieren. Rat ist teuer, und den erteilt nun ein zufällig anwesender Gehilfe der Palastküche mit einer Vorliebe für schwule Autoren... Nun nimmt das Schicksal seinen Lauf, denn die Queen wird auf ihre alten Tage von der Leidenschaft des Lesens ergriffen. Und nicht nur das: Sie entdeckt auch noch die ganz eigenen Regeln, die im Herrschaftsbereich des Lesens gelten: Vor dem Buch sind alle Leser gleich. Ob Küchengehilfe oder gekröntes Haupt: Dem gedruckten Wort sind alle unterworfen, die es ergriffen hat. Ganz nebenbei steigt die Queen ihrerseits auf in der Hierarchie der Leser, und zwar von der Unterschicht der Schmachtroman-Leser zu jener Hautvolée der Klassiker-Gourmands weiter zu jenen der Anmerkungen-Festhalter und Geschmackssicheren, und noch weiter hinauf... jeder Zoll eine Königin, wie nicht anders zu erwarten. Auch wenn sie ihre Weihnachtsansprache, wäre es nach ihr gegangen, heuer auf dem Sofa ausgestreckt und mit einem Schmöker in der Hand gehalten hätte, hätte das nicht der umtriebige Privatsekretär gerade noch verhindert.
Ganz nebenbei hat dieses neue immaterielle Regime des Lesens natürlich höchst handfeste Auswirkungen aufs reale British Empire: Ein nicht eben vorzeigbarer Küchengehilfe steigt zum Missfallen des Hofstaates auf zum persönlichen "literary assistent", auch Amanuensis genannt, der Queen, was wiederum eine regelrechte Lawine an Intrigen lostritt. Wo auch immer diese Lawine am Ende landen und was immer sie alles zum Vergnügen des Lesers mitreißen mag -- die Karriere des aufstiegsorientierten Privatsekretärs aus Neuseeland endet jedenfalls in der zeitgemäßen Entsprechung der lebenslänglichen Verbannung (deren konkretes Aussehen soll nicht verraten werden), denn die Queen entdeckt zu Privatsekretärs Leidwesen ihre "human ressources" auf andere Art, als von ihm vorgesehen.
Ganz nebenbei eröffnen sich der Queen Einblicke ins Privatleben einzelner Mitglieder der Guards; ihr wird klar, dass man Schriftstellern besser auf den Seiten ihrer Bücher begegnet als leibhaftig (hätte sie ja auch selber draufkommen können!). Der arme Bibliothekar wird ins weniger respektable Pimlico versetzt; der Amanuensis landet unversehens beim Creative Writing an der University of East Anglia; Garderobe und Pünktlichkeit (immerhin die Höflichkeit der Könige) beginnen zu leiden, was allgemein falsch interpretiert und alarmiert als "probably Alzheimer's" registriert wird... Ein tattriges lebendes Very-British-Fossil des Empire wird aus Hampton Court herbeigezerrt, kann aber auch nicht den status quo ante wiederherstellen, sorgt stattdessen jedoch immerhin für des Lesers heftiges Zwerchfell-Erschüttern. Überhaupt erfährt der Leser gewisse Details über die wahren Hintergründe des ein oder anderen angeblichen neckischen kleinen Fauxpas beim königlichen Bad in der Menge. Sind halt auch nur Menschen, und nicht nur vor dem Buch allesamt gleich.
... und wer weiß, wie fulminant Her Majesty "will stay focused", sprich: welche "Kernkompetenzen" sie als Nächstes in Angriff nimmt, und welche eisernen Prinzipien sie zu diesem Zweck übern Haufen zu rennen gedenkt. Der von der "uncommon reader" längst hingerissene Leser darf sich jedenfalls auf ihren etwas anderen ultimativen coup d'état am Ende gefasst machen.
Und, ach so, ja, aber das wird sich der Leser eh gedacht haben: Die Handtasche der Queen ist nicht leer. Na, was hat sie da drin wohl verstaut?