Lee Smolin argumentiert, daß die Grundlagenforschung in der Physik in einer Sackgasse steckt, weil sie in den letzten dreißig Jahren keine wirklichen Fortschritte mehr gemacht hat. Seiner Meinung nach liegt das Hauptproblem darin, daß die vorherrschende Art, Physik zu betreiben noch aus einer Zeit stammt, als der wesentliche Umbruch mit der Quantentheorie bereits stattgefunden hat, und es dann darum ging, diesen Ansatz bis aufs Äußerste auszureizen. Doch seiner Meinung funktioniert dieser Ansatz jetzt nicht mehr, und es ist wieder Zeit, daß man mehr "Visionäre" benötigt, die grundlegende Annahmen in Frage stellen und völlig neue Ansätze erfinden.
Ich bin kein Physiker, und auch wenn Lee Smolin sich viel Mühe gibt, die theoretischen Probleme mit der Stringtheorie allgemeinverständlich zu erklären, so kann dies immer nur eine Ahnung sein. Letztendlich sehe ich die ganze Diskussion, ob Stringtheorie richtig ist oder nicht, relativ leidenschaftslos.
Was ich sehr interessant fand, war die Analyse der Physikergemeinschaft innerhalb der Stringtheorie, der Smolin die hinteren Kapitel des Buches widmet. Seiner Meinung nach liegt ein Teil des Problems auch darin, daß sich in der Stringtheorie eine Wissenschaftskultur herausgebildet hat, die der Wahrheitsfindung abträglich ist. Es herrscht ein starker Gruppenzwang, zum Beispiel, die Rolle der Stringtheorie nicht in Frage zu stellen, oder an bestimmten Problemen zu arbeiten, die einige wenige führende Köpfe als die momentan relevanten Fragestellungen verkünden. Das ganze geht laut Smolin sogar soweit, daß der einzelne Doktorand sich nicht erlauben kann, sich in dem Maße eine eigene Meinung zu bilden und diese zu äußern, wie es eigentlich idealerweise möglich sein sollte.
Ich denke, daß Smolin hier eine durchaus allgemeine, aber hoffentlich nicht allgegenwärtige) Entwicklung in der Wissenschaft anspricht, welche auch eine Begleiterscheinung der Art und Weise ist, wie die Wissenschaft "modernisiert" wird. Forschungsprojekte kommen immer häufiger in den Rechtfertigungszwang, schnell zu wirtschaftlich meßbaren Ergebnissen zu führen. Daß dies es schwierig macht, bei der Außendarstellung des Projektes die nötige Ehrlichkeit und Selbstkritik walten zu lassen, ist nachvollziehbar, aber mit den wissenschaftlichen Idealen letztendlich nicht vereinbar.
Smolins Vorschlag, daß wir "einfach wieder mehr Menschen einstellen müssen", die sich auch mal wieder mit Grundlageproblemen beschäftigen, und sich keine Meinung um den Mainstream machen, erscheint mir dann wieder zu idealisitisch. Ohne ein grundlegende Änderung der Rahmenbedingungen wird das nicht zu machen sein.