Wem sich schon bei "Birdman", Mo Hayders Debütroman, der Magen umdrehte, der sollte sich und "The Treatment" in einem sicheren Abstand wissen - Mo Hayder hat das Undenkbare wahr gemacht und ihren Debütroman um Welten übertroffen.
Doch zunächst zum Inhalt: Seit dem schrecklichen Geheimnis um den "Birdman" ist einige Zeit vergangen, und trotzdem kann Jack Caffery, der ermittelnde Inspektor, keine Ruhe finden - da ist zum einen seine Unsicherheit gegenüber seiner Beziehung mit Rebecca, die dem „Birdman" fast zum Opfer gefallen wäre und Jack seither jegliches Gespräch zu diesem Thema verweigert, zum anderen aber auch der dunkle Fleck in seiner Vergangenheit, der ihn bis heute nicht los lässt.
Da geschieht ein Verbrechen, dessen unmenschliche Grausamkeit erst langsam aufgedeckt werden kann: Ein Ehepaar wird, dehydriert und entkräftet, in seinem Haus im Londoner Stadtteil Brighton gefunden. Der Sohn der beiden ist verschwunden. Einzige Spur: Ein paar Blutflecken und Kinder, die von einem Menschen fressenden „Troll" erzählen, der in der Gegend sein Unwesen treiben soll. Je mehr Jack über den Fall herausfindet, desto weiter wird er in einen Strudel der Ereignisse gezogen, die ihn an den Rand des Zusammenbruchs führen und langsam, aber unaufhaltsam die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart verwischen...
Diese Handlung spielt sich in mehreren, nebeneinander herlaufenden einzelnen Strängen ab, die aber allesamt auf unheilvolle Art und Weise allmählich in einander übergehen. Hayder geht dabei so geschickt vor, dass der Leser gar keine andere Wahl hat, als Zeuge einer Tragödie zu werden, die sein tiefstes Inneres aufrüttelt. An einigen Stellen erlebt man das Unrecht, die Verzweiflung und die einhergehende unschuldig-schuldige Ignoranz so intensiv, dass man die agierenden Charaktere am liebsten anschreien möchte, um den tödlichen Tanz des Schicksals aufzuhalten - vergebens. Das Ende ist daher derart aufwühlend, dass man fast meint, man sei selbst persönlich betroffen - die Fiktion scheint verstörende Realität zu werden.
Kann man diesen Roman dennoch mit fünf Punkten bewerten? Eigentlich nicht - bei so einer schockierende Darstellung (dabei hat Hayder dieses Mal fast vollständig auf detaillierte Autopsieberichte wie bei "Birdman" verzichtet) glaubt man fast, man würde damit dem Geschehen einen perversen Respekt zollen. Basierend auf der Tatsache, dass man es hier „nur" mit einer irrealen Erfindung zu tun hat, kann man aber nicht anders - zu groß ist Hayders Fähigkeit, den Leser zu einem ohnmächtigen Teil des Geschehens zu werden, als dass man sie mit einer schlechteren Bewertung abstrafen könnte.
Und so bleibt dem Leser hinterher nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass diese Geschichte fernab der Realität und damit seiner sicheren Welt bleiben möge...