Geschichten vor historischem Hintergrund, welche die Grenzen der Glaubwürdigkeit ausreizen ohne sie zu überschreiten, mit anderen Worten eine atemberaubende Geschichte erzählen die sich tatsächlich so ereignet haben könnte, und zahlreiche echte Ereignisse der Geschichte einbaut, haben einen ganz besonderen Reiz. Dies vorweg: "The Thousand Autumns of Jacob de Zoet" ist keine solche Geschichte (entgegen meiner Erwartung), bzw. nur in einem gewissen Maß. Stattdessen werden historische Persönlichkeiten, wie z.B. Hendrik Doeff oder Matsudaira Genpei durch fiktive Personen "ersetzt" und historische Ereignisse werden teilweise so verändert, dass sie sich in die Geschichte einfügen. So wird z.B. aus dem Schiff Phaeton, welches 1808 Nagasaki "bedrohte", mit charmanter Referenz das Schiff Phoebus, der Vorfall 8 Jahre vorverlegt und wohl etwas dramatischer gestaltet. Dennoch fühlt man sich in die Zeit zurückversetzt, denn davon abgesehen zeichnet Mitchell ein meinem Ermessen nach sehr akurates und vor allem detailliertes(!) Bild von der damaligen Zeit. Aber nicht nur von Nagasaki und Umgebung, Mitchell gelingt es auch globale Ereignisse mit in die Geschichte einzubeziehen.
Der Roman gliedert sich in drei Teile plus zwei Epiloge. Da der ungewöhnliche Aufbau des Romans wohl den Leser überraschen und zum Denken anregen soll, will ich hier nicht zuviel verraten. Zunächst schien mir der Aufbau inkonsequent, doch im Nachhinein halte ich den Aufbau für sehr gelungen und er erzielte bei mir die richtige Wirkung. Der erste Teil hat sicher einige Längen, es werden viele Charaktere eingeführt und der Leser mit den damaligen Verhältnissen bekannt gemacht. Vielleicht empfindet aber auch nicht jeder diese Längen. Da ich mich mit genau dieser Thematik (Japan+Nagasaki 18/19 Jhr.) auch schon im Rahmen meines Interesses für Japan weit vor dem Lesen dieses Romans beschäftigt hatte, war der Reiz des Unbekannten sicherlich nicht so stark ausgeprägt. Auf jeden Fall sind Dejima und das Japan der damaligen Zeit aber ein sehr interessantes Setting auch für einen fiktionalen Roman. Ab dem zweiten Teil sollte dann aber wirklich auch der letzte Leser von der Geschichte gefesselt sein. Die Geschichte ist spannend, dramatisch und anspruchsvoll. Der dritte Teil, in gewisser Weise eine Art Showdown, bringt die Geschichte zum dramatischen Höhepunkt.
So lässt es sich auch verschmerzen, dass Beschreibungen von Landschaften u.a. keine epische Qualität erreicht. Oder wenn von shintoistischen "Nonnen" gesprochen wird. Hier und da hätte ich mir als Japan-"Besessener" verstärkt die japanischen Bezeichnungen (im Zweifelsfall mit Fußnote) gewünscht, aber viele Leser werden es Mitchell wahrscheinlich sogar danken, dass er darauf in vielen Fällen verzichtet hat (aber nicht immer). Der Roman ist definitiv nicht nur etwas für Japan-Interessierte, ganz im Gegenteil. Ich persönlich war auch gespannt, wie das Soziale Zusammenspiel dieser so unterschiedlichen Menschen (Herkunft und Stand) von hoch- und niedergestellten Europäern, Sklaven und den Japanern mit ihren unterschiedlichen Schichten charakterisiert werden würde. Ich bin sehr angetan, keine Klischees, keine Effekthascherei, sondern eine meiner Meinung nach sehr kluge Auseinandersetzung mit dem Thema, ohne dieses überzustrapazieren.
Fazit: Jeder Leser, der sich für historische Romane begeistern kann (auch wenn sich der Autor hier viele Freiheiten nimmt) ist hier sicher gut aufgehoben. Ich werde "The Thousand Autumns of Jacob de Zoet" sicherlich weiterempfehlen.
Anmerkung 1: Zum Inhalt habe ich bewusst kaum etwas gesagt, da ich finde man sollte nicht zuviel vorweg nehmen. Die Produktbeschreibung gibt hier ausreichend Auskunft.
Anmerkung 2: Außerdem vielleicht noch ein paar Worte zur Ausgabe. Ich persönliche besitze (rein zufällig) die Taschenbuch Ausgabe vom Verlag Hodder & Stoughton. Bibliophilen sei definitiv aber die gebundene Version dieses Verlags ans Herz gelegt, weil:
1. die broschierte Ausgabe extem anfällig für Knicke am Buchrücken ist,
2. die broschierte Ausgabe auch kein echtes Taschenbuchformat hat (also recht groß und schwer ist),
3. die gebundene Ausgabe nur unwesentlich mehr kostet.
Taschenbuch Freunden dagegen empfehle ich die Ausgabe von Random House, weil diese günstiger und kompakter ist, als die von Hodder & Stoughton, auch wenn die Umschlaggestaltung nicht viel hergibt.