SHAKESPEARE -
No comment. Klassiker bedürfen keinerlei Rezensionen inhaltlicher Art bei Amazon, die sich nicht auf die Besonderheiten der jeweiligen Ausgabe/Version beziehen. (Es ist vollkommen unerheblich, ob irgend welche anonyme Gelegenheitsschwätzer Shakespeare, Goethe oder Tolstoj "langweilig" oder "spannend" finden.)
DIESE VERFILMUNG -
Sehr gelungen. Ich kenne mehrere Verfilmungen von The Tempest und diese ist bisher die Beste, sofern man nicht auf eine ganz traditionelle Aufarbeitung pocht. Die blau-grauen, düsteren Farben mit einigen bunten Pinselstrichen sind beeindruckend und treffen die Stimmung genau. Die Schauspieler sind eine tolle Mischung und alle passen zu ihren Rollen. Mirren (Prospera) und Brand (Trinculo) sind besonders passend, aber alle bieten eine gelungene Leistung.
Ich war skeptisch, ob hier eine Frau die Hauptrolle spielen sollte, aber es ist überzeugend gemacht.
Die düstere Musik passt gut. Es ist an der einen oder anderen Stelle vielleicht zu viel des Guten. Aber insgesamt ist dies gelungen. The Tempest ist ja eins der wenigen Shakespeare-Stücke mit historisch überlieferten Liedern. Sie werden hier eingebaut und ergänzt.
Die Technik ist gelungen. Sie ist am überzeugendsten mit Ariel, dessen/deren (diese Figur ist weder männlich noch weiblich) Bewegungen und Kräfte echt einfallsreich dargestellt werden. Sie holpert etwas bei der Darstellung der Hunde, die Trinculo, Caliban und Stephano verfolgen. Die Szene, wo Ariel sich als Harpyie Antonio, Alonso und Sebastian zeigt, ist toll gemacht.
Von der Interpretation her habe ich wenig zu meckern.
Ich würde kritisieren, dass Caliban mit so viel Würde dargestellt wird. Das ist legitim, denn auch Shakespeare hat ihm sympatische Züge verliehen und man kann auch gerade dann Caliban mit Würde darstellen, wenn man durch die Verwendung eines schwarzen Schauspielers besonders die post-koloniale Lesart des Stückes unterstreicht. Aber ich finde, dass Calibans gnadenlose Unterwerfung einen dunklen Schatten über das Stück wirft, der zu den Grundelementen des Stückes gehört. Der Kontrast zwischen der Wiedergutmachung und der Hochzeit einerseits und der auch physisch schmerzhaften Läuterung der drei Untertanen andererseits trägt zur Wirkung des Stückes bei. Taymor ist offenbar anderer Meinung. Dies ist immer wieder bemerkbar, aber besonders in der Schlußszene, wo Calibans berühmtestes Zitat wegelassen wird und er aufrechten Gangs und ohne Worte und ohne zurück zu blicken davon geht. Ein Vergleich mit der BBC-Verfilmung von 1980 oder mit dem Originaltext lohnt sich.
Die "masque"-Szene (4. Aufzug, 1. Szene), die in der Fachliteratur zu diesem Stück für ziemlich viel Diskussionen sorgt, wird in dieser Verfilmung völlig ungewöhnlich dargestellt. Statt eine Performance durch grieschich-römische Göttinnen mit Gesang und Tanz aufzubieten, zeigt Prospera den Verlobten ein Himmelsschauspiel, das fast ausschließlich durch Komputergraphik zustande kommt - ohne Text. Die Szene ist auch in traditionelleren Versionen schwer zu verstehen und einzuordnen - sie wirkt befremdlich, wenn man das Stück nicht kennt - hat aber mit Fruchtbarkeit zu tun. Hier im Film geht es nur ganz kurz um kreisende Sternzeichen und Bilder aus der Astrologie, Astronomie und Botanik. Dies kommt unerwartet und ist schnell vorbei.
Kurz davor, während er mit Miranda liebkost, singt Ferdinand das Lied des Clowns aus dem 3. Aufzug, 3. Szene von "Twelfth Night" (Oh, mistress mine). Das ist, nach dem was ich bisher erkannt habe, der grösste "Eingriff" in den Stoff bei dieser Verfilmung, abgesehen davon, dass die Hauptrolle eben weiblich ist. Ich bin aber kein Shakespeare-Fachmann und habe evtl. etwas übersehen.
Der Text ist - wie bei fast allen Verfilmungen oder Bühnenversionen - hier und da gekürzt. Einige Szenen werden geteilt oder vertauscht. Dies bleibt aber im Rahmen. Man muss das Stück gut kennen, um dies zu merken. Es ist nicht wie "Propero's Books" (Peter Greenaway 1991) oder die 1979 Verfilmung von Derek Jarman, wo viel gravierendere Eingriffe vorgenommen werden und ein ganz anderes Stück entsteht.
DVD -
Mäßig. Shakespeare ohne englische Untertitel anzubieten, halte ich für sehr, sehr schade. Es geht bei Shakespeare zu einem erheblichen Teil eben um die Sprache - und nicht nur die vordergründige Bedeutung, die ja mit deutschen Synchronstimmen oder mit Untertiteln mehr oder weniger erfasst werden kann. Es geht um das spezifische Englische nach Shakespeare. Ich bin native speaker des Englischen mit Hochschulbildung und gucke trotzdem gerne mit englischen Untertiteln. Für den deutschen Markt ist es ja unerlässlich. Der ursprungliche Text liegt auch ohne urheberrechtliche Hurden vor. Wenn man sich schon die Mühe gemacht und die deutsche Version eingebaut hat - dann copy-paste, oder?
Die Extras sind okay, aber nicht berauschend. Das "making of" ist flach. Beteiligte erzählen die Geschichte nach, machen allgemeine Bemerkungen über das Stück an sich oder loben einander. Während dessen sieht man einige Szenen aus dem Film oder aus den Dreharbeiten. Man lernt dabei nicht viel darüber, wie der Film zustande kam. Die sog. "B-Roll" ist dabei deutlich besser. Die Interviews sind okay, aber auch da wird einiges einfach wieder nacherzählt oder der gewöhnliche Selbstlob praktiziert. Der Schnitt der Interviews ist etwas unbeholfen.
Es hätte mich interessiert, welche Shakespeare-Übersetzung für die deutsche Synchronisation herangezogen würde, aber ich habe diese Information im DVD nicht gefunden. Ich bin ziemlich sicher, dass es sich nicht um Tieck oder Wieland handelt. Ich habe den Eindruck, es ist die Schlegel-Version aber mit einigen Veränderungen, etwa in der Reihenfolge der Wörter. Aber es könnte ja auch eine andere Fassung oder eine Mischung sein. Z.B. Miranda gleich nach der "Masque":
Schlegel (1798): "Nie bis diesen Tag sah ich ihn (sie) so von heft'gem Zorn bewegt"
Taymor: "Nie bis zu diesem Tag sah ich sie je bewegt von so heftigem Zorn."
GESAMT -
Insgesamt bin ich mit diesem Film sehr zufrieden und habe ihn schon mehrmals angeguckt. Ich werde ihn bestimmt auch in der Lehre verwenden, sollte ich mal an der Uni oder an der Schule dazu Gelegenheit finden. Ich empfehle den Film auch für Unterhaltung. Vier bis fünf Sterne für den Film, vier Sterne für das Produkt insgesamt.
- M. Hatlie