David Drury hat anno 2009 den britischen Gegenentwurf zum amerikanischen Mafiafilm gedreht, den auf dem Roman von Martina Cole basierenden '"The Take"'. Genauer gesagt ist '"The Take"' eine vierteilige britische Mini-Serie, deren vier einstündige Teile vor drei Jahren im englischen Fernsehen ausgestrahlt wurden. Für die Blu Ray- bzw. DVD-Verwertung hat man das vierstündige Serienformat nun auf 178 Minuten runtergekürzt und bedauerlicherweise fast komplett ohne Extras auf den Silberling-Markt geworfen. Davon abgesehen gibt es glücklicherweise kaum etwas zu bedauern, was neben Drurys versierter Regie vor allem an Hauptdarsteller Tom Hardy liegt. Dieser gibt den pathologischen Soziopathen und gefährlichen Kriminellen mit bewundernswerter Kaltblütigkeit und Intensität, so dass aus '"The Take"' ein 20 Jahre umspannendes, brutales und eindringliches Gangster-Epos geworden ist, das zu schockieren weiß.
London, East-End, 1984: der Kleinkriminelle Freddie Jackson (Tom Hardy, '"Bronson"', '"Inception"') hat gerade vier Jahre Knast für einen Banküberfall abgesessen. Seine Zeit im Gefängnis hat er dazu genutzt, Kontakt zum Godfather of Crime, Ozzy (Brian Cox, '"R.E.D."', '"Die Bourne Verschwörung'") aufzunehmen und sich diesem anzudienen. Denn Ozzy ist einer der mächtigsten Kriminellen in ganz England und darüber hinaus in der Lage, auch vom Gefängnis aus sämtliche Strippen zu ziehen. Doch Freddie hat größere Pläne. Er will Ozzy den Rang ablaufen und zum Unterweltboss von East-London oder besser gleich ganz England aufsteigen. Zusammen mit seinem Cousin Jimmy (Shaun Evans, "Gone"', '"Dread'"), einem besonnenen, zurückhaltenden Kleinkriminellen, legt Freddie los. Zuerst einmal landet der Kopf eines illoyalen Kumpels in dessen Fernseher, danach ein abgebrochener Flaschenhals im bisherigen District-Gangster Siddy. Nach und nach schaltet Freddie seine Konkurrenz aus und steigt in der mafiösen Hierarchie immer weiter auf. Leider konterkariert Freddie seine Erfolge immer wieder mit seinem aufbrausenden, impulsiven Temperament, dem er durch unglaubliche Brutalität Ausdruck verleiht. Auch seine Frau Jackie (Kierston Wareing, '"The Holding"', '"Fish Tank'"), die er wahlweise vögelt, schwängert, schlägt oder betrügt, hat unter seiner Cholerik und Unberechenbarkeit zu leiden. Ihre Schwester Maggie (Tom Hardys Verlobte Charlotte Riley), die mit Jimmy verlobt ist, wird bald erfahren, wozu Freddie in der Lage ist, wenn er wütend / zugedröhnt / betrunken und gewaltbereit ist. Und auch Jimmy kommen Zweifel, ob sein unberechenbarer Cousin der richtige Partner ist, um richtig durchzustarten in Londons Unterwelt'...
Zu diesem knapp dreistündigen Werk ließe sich natürlich noch viel mehr sagen, da der Film eine Zeitspanne von ca. 20 Jahren umfasst. Im Fokus stehen aber eindeutig Freddie und sein auf Biegen und Brechen herbeigeführter Aufstieg im kriminellen Milieu. Neben seinen Frauengeschichten, Drogenexzessen und Ränkespielen ist immer wieder auch sein Charakter Thema des Films. Sein rücksichtsloses Verhalten gegenüber Geschäftspartnern und Familienangehörigen, seine Verschlagenheit, seine manchmal kaum fassbare, ungezügelte Gewalt und diese Aura absoluter Unberechenbarkeit und Gefahr, die ihn umgibt.
Somit muss man unweigerlich zu Tom Hardys faszinierender Performance kommen, die den Hauptanziehungspunkt des Films ausmacht. Wer Hardy in '"Bronson"' gesehen hat, wo er ebenfalls einen vollkommen durchgeknallten Gewaltverbrecher gespielt hat, der weiß, wozu dieser Mann darstellerisch fähig ist. Hardys Bandbreite, die er seinem Charakter hier angedeihen lässt, ist wirklich beeindruckend. Sein Freddie ist eine packende Mischung aus ultracoolem Macho-Gangster, notgeilem Frauenheld, skrupellosem Soziopathen, wildem Tier und manchmal, ganz kurz, sogar liebevollem Vater und Ehemann. Hardy meistert die Vielschichtigkeit seiner Rolle grandios und beweist einmal mehr, dass er mittlerweile zu den besten Mimen Englands in seiner Altersgruppe gehört.
Dem in nichts nach steht allerdings auch der restliche Cast. Shaun Evans'' Wandlung vom im Hintergrund agierenden Handlanger Freddies zum eigenständigen Strippenzieher ist zwar ab und an etwas oberflächlich gestaltet, überzeugt aber dennoch. Kierston Wareing, Angelina Jolies britisches Lippen-Pendant, geht als Freddies Frau authentisch durch jede Hölle, durch die die hörige Frau eines gewalttätigen und ruchlosen Gangsters gehen muss. Charlotte Riley als ihre Schwester bleibt darstellerisch zwar ähnlich zurückhaltend wie Evans, kann aber durch die Schicksalsschläge, die ihr Charakter ertragen muss, ausreichend zeigen, dass sie ebenfalls eine versierte Darstellerin ist. Brian Cox als inhaftierter Pate übertreibt es ab und an mit dem Bad-Boy-Gehabe, vermittelt aber dennoch glaubhaft, dass mit ihm, obwohl hinter Gittern, immer zu rechnen und nie zu spaßen ist. Und auch die restlichen Darsteller, von der Kleinkriminellen-Crew bis hin zur nächsten Crime-Generation, Freddies Brut, liefern wunderbar ab und lassen so diesen britischen kriminellen Mikrokosmos im 80er-Jahre-Look (inklusive der offensichtlichen Obsession der Engländer für grauenhaft hässlichen Goldschmuck) begreiflich zum Leben erwachen.
Da ist es umso bedauerlicher, dass Regisseur Drury an der ein oder anderen Stelle etwas geschlampt hat. Zum Beispiel altern seine Darsteller in 20 Jahren nicht ein bisschen, tragen dieselben Klamotten und haben nicht ein graues Haar oder Fältchen mehr. Da hätte man vielleicht doch den ein oder anderen Maskenbildner mehr ins Boot holen sollen. Und natürlich geht Drury auch ab und an die Logik flöten, wenn z. B. eins der Kinder nachts stundenlang verschwindet und das anscheinend niemanden kümmert, obwohl die ganze Verwandtschaft gerade auf den Beinen ist und das Fehlen somit bemerken müsste. Und natürlich schleicht sich auch die ein oder andere Länge in einen dreistündigen Film ein, in dem sich gewisse Situationen wiederholen und Hardy vielleicht einmal zu oft seinen prolligen Gangsta-Schritt zum Besten gibt. Zum Glück gelingt es Drury immer wieder, unvorhergesehene Wendungen oder eruptive Gewalt in die Story einzuflechten, die einen überrascht oder schockiert zurücklassen. "The Take"' ist kein Film für zarte Gemüter, hier geht es brutal und blutig zur Sache, wenn Freddie erstmal die Sicherungen durchgeknallt sind. Dann kennt er weder Freund noch Familie, und das ist dann ab und an schon sehr heftig.
Nichts zu sagen gibt es zu der beschämenden Ausstattung der Blu Ray, die lediglich den Ton in deutsch und englisch in DTS 5.1 sowie deutsche Untertitel und drei Trailer bereithält. Ich empfehle allerdings, sich den Film in der englischen Originalversion anzusehen, weil diese perfekt Stimmung und Charakter des Films unterstreicht. Ob der ganzen Slang-Ausdrücke und des zeitweiligen britischen Genuschels könnten die optionalen deutschen Untertitel allerdings hilfreich sein.
Schlussendlich ist "'The Take"' ein gelungener britischer Mafiafilm, der vielleicht nicht ganz die temporeiche und ausgeklügelte Eleganz von amerikanischen Werken wie '"Good Fellas'" erreicht, dafür aber einen authentischen Blick hinter die Kulissen englischer Klein- und Großkrimineller wirft und mit einem fantastischen Cast aufwarten kann. Die gezeigte Brutalität ist so, wie man sie sich bei rotzfrechen, kaltblütigen, egozentrischen und prolligen Brit-Gangstern eben vorstellt: sie ist roh, dreckig und manchmal sogar absurd komisch. Und Tom Hardy empfiehlt sich hier einmal mehr für den Big Business, in England ebenso wie in Amerika. Für anglophile Crime-and-Punishment-Fans ein absolut empfehlenswerter Film, eben weil er ein Stück ehrlicher und echter rüberkommt als seine amerikanischen Pendants. Somit gerne satte vier von fünf feindlichen Übernahmen, die einen Kopf und Kragen kosten können.