Central Georgia Metropolis im Jahre 2054.
Die Verbindung von virtueller Realität mit neuester Robotertechnologie hat zu einer neuen Entwicklung im menschlichen Miteinander geführt. Was zunächst als eine Art ferngesteuerte Ganzkörperprotese für Menschen mit schweren Krankheiten gedacht war, hat sich in eine ganz andere, nicht vorhergesehene Richtung entwickelt. Zunächst verwendeten Polizisten und anderes Sicherheitspersonal Surrogate, was zu einem Anstieg der Ordnungskräfte führte und diesem Berufsstand gleichzeitig seine Gefährlichkeit nahm. Bald jedoch wurde die Verwendung von Surrogaten zu einem Lifestyle und immer mehr Amerikaner gingen dazu über lieber diese perfekten Körper zu verwenden, um durch sie ihre Welt aus zweiter Hand und ohne wirkliche Konsequenzen zu erfahren: nun ist es möglich zu rauchen, Drogen zu nehmen, sich zu betrinken und dabei alle Sinneseindrücke voll zu erfahren und zu genießen, aber ohne die negativen Folgen für den wirklichen Körper befürchten zu müssen. Die demografische Klassifikation ist unmöglich geworden, denn einem Surrogat kann man nicht ansehen ob sein Operator ein Mann oder eine Frau, schwarz oder weiß ist. Frauen machen in typischen Männerberufen Karriere indem sie männliche Surrogate verwenden und so den Wunsch des Kunden befriedigen, der männliche Piloten oder männliche Geschäftsführer bevorzugt.
In dieser schönen neuen Welt leben die Polizisten Harvey Greer und Pete Ford, als der erste Mordfall seit 15 Jahren geschieht. Ein Unbekannter Terrorist zerstört Surrogate. Er will, dass die Menschen wieder wirklich leben und sich nicht hinter ihren Robottergesichten verstecken.
Wird es den beiden gelingen den Terroristen zur Strecke zu bringen, bevor er alle Surrogate durch eine Kettenreaktion zerstört und die technische Entwicklung der Menschheit um Jahrzehnte zurückwirft?
Ich habe seit Jahren keine Comics oder graphic Novells, wie man sie neudeutsch auch nennt, gelesen. Anders als in Frankreich, Belgien oder USA streitet man sich in Deutschland immer noch, ob es sich dabei wirklich um Kunst handelt, ein Thema, dass unsere europäischen Nachbarn schon vor Jahrzehnten entschieden haben zu Gunsten der Comics.
Dieser Band beweist, dass Comics tiefgründig sein können und zum Nachdenken anregen können. Comics sind nicht immer reine Unterhaltung, sie können durchaus Sozialkritisch sein, verwenden dabei jedoch andere stilistische Mittel als Romane.
Newcomer Robert Venditti, studierte zunächst kreatives Schreiben an der Universität Florida bevor er beim Comicverlag Top Shelf zu arbeiten begann und zwar in der Post-Abteilung. So hatte er jedoch die Gelegenheit dem Verlag seinen utopischen Gesellschaftsentwurf vorzulegen und hatte Glück.
Mit 'The Surrogates', welches in USA in 5 Teilen erschien, in Deutschland jedoch in einem Band vorliegt, entwirft Venditti eine düstere, sehr zwiespältige Welt. Einerseits wird jeder Leser zustimmen, dass es in einigen Berufen durchaus sinnvoll sein mag Surrogate zu verwenden, so z. Bsp. als Polizist oder wenn man mit gefährlichen Stoffen arbeitet. Andererseits wird man sich jedoch auch einig sein, dass das menschliche Miteinander großen Schaden nimmt, wenn sich jeder hinter einem perfekten, künstlichen Gesicht verbirgt und so das wirklich menschliche Miteinander auf der Strecke bleibt.
In seiner Vision der amerikanischen Gesellschaft in etwa 50 Jahren, kritisiert der Autor heutige gesellschaftliche Strömungen, wie den Wahn sich durch Schönheitsoperationen ein gefälliges Äußeres aus dem Katalog zuzulegen, oder dass man in Internetgemeinschaften wie Second Life oder schon in Foren oder Chats nicht mehr wirklich weiß mit wem man es zu tun hat. Während wir nur im Internet sein können wer wir wollen, sind die Menschen in Central Georgia Metropolis einen Schritt weitergegangen und sind es auch in ihrem täglichen Leben. Wer es sich leisten kann hat mehrere Surrogate und lebt unterschiedliche Leben, mal als Mann, mal als Frau, mal schwarz mal weiß, alles ist Möglich und nur eine Frage des Geldes.
Die Misere in den zwischenmenschlichen Beziehungen die dadurch entsteht wird einem anhand des Privatlebens des Polizisten Harvey Greer vor Augen geführt. Er hat seine Ehefrau schon lange nicht mehr wirklichen gesehen, sondern immer nur ihr Surrogat, er weiß nicht einmal wie sie in Wirklichkeit aussieht.
Die Zeichnungen Brett Weldeles sind minimalistisch. Mit wenigen, markanten Konturen schafft er es das wesentliche darzustellen ohne von den Dialogen abzulenken. Die Kolorierung ist gedeckt und monochrom und ein Wechsel der Farben dient zur Unterteilung von verschienenden Szenen.
Jedes der 5 Kapitel wird durch einen ausführlichen Artikel aus der Welt der Surrogates beschlossen, wie z. Bsp. einen Essay aus dem "Journal of applied Cybernetics", welcher den Leser die gesellschaftlichen Umwälzungen durch de Surrogattechnologie beschreibt, oder Artikel über die Anti Surrogat Aufstände.
Einige Probleme hatte ich mit dem Werbeprospekt, welches Teil vier beschließt. Hier blieb man bei der Übersetzung beim 'Du', etwas was in der deutschen Sprache, vor allem auch in Prospekten nicht üblich ist, da bleibt man bei m förmlichen "Sie" und ich denke nicht, dass sich das in den nächsten 50 Jahren ändern wird. Auch sind klassische Fehler passier wie "Es bedeutet, dass Canter in den letzten sechs Monaten sowohl für Clark Technologies wie auch für die CDV Labs als Berater tätig war." (S. 130). Meines Wissens heißt es immer noch sowohl ... als auch, das ändert sich auch nicht, wenn man wie in diesem Fall das "wie auch" fett druckt, da sollte noch einmal nachgebessert werden.
Sehr schön fand ich den Anhang, in welchem erklärt wurde, wie so ein Comic heutzutage entsteht, wie die Charaktere entworfen werden, wie das mit dem kolorieren funktioniert...
Des Weiteren sind herausgeschnittene Szenen und Werbekampagnen für "Virtual Self" abgebildet, die auf den Rückseiten der amerikanischen Auflagen zu finden waren.
Das Comic weist einige Unterschiede zum Film auf, der größte dürfte wohl sein, dass Pete Ford, Greers Partner, im Film zu einer Frau mit Namen Peters wurde, um den männlichen Zuschauern etwas für die Augen bieten zu können. Die Hauptaspekte der Geschichte sind im Film erhalten geblieben, auch wenn der Comic deutlich düsterer endet als die filmische Adaption.
In USA werden demnächst weitere Comics des Autors aus der Welt von Surrogate erscheinen, die wohl weitere gesellschaftliche Aspekte beleuchten und hinterfragen werden.
Fazit: Auch für Leseratten, die sonst nur richtige Bücher lesen eine durchaus empfehlenswerte Lektüre, die zum nachdenken anregt.
(www.literaturreport.com)