Diese Monographie erarbeitet die Voraussetzungen, Grundstrukturen, Implikate und Konsequenzen der menschlichen Alltagssprache. Der Autor vertritt die 'konzeptuelle Semantik' und kontrastiert diese mit konkurrierenden Sprachtheorien: extremen Nativismus, radikalen Pragmatismus, linguistischen Determinismus, die er vorstellt und kritisch reflektiert.
Pinker übernimmt von Kant den Gedanken, daß unser angeborener Geistesapparat einen abstrakten Begriffsrahmen zur Verfügung stellt, der unsere Erfahrungen organisiert - Raum, Zeit, Substanz, Verursachung, Zahl und Logik. Er erläutert die Bedeutung von Namen für die Bezeichnung von Kategorien oder Arten, den Unterschied zwischen Substanzen und Objekten, die Fähigkeit, Nichtkörperliches zu objektivieren und zu quantifizieren und dadurch zum abstrakten Denken zu gelangen, die Abhängigkeit des Bewußtseins von der Zeit und deren kognitive Verräumlichung, die Schwierigkeiten des Konzeptes der Verursachung ('Kausalität') und den evolutionsbiologische 'Unterbau' der Kategorien, der im menschlichen Werkzeuggebrauch und der Fähigkeit zur sozialen Kooperation zu verorten ist.
Metaphern sind Mechanismen, die der Geist verwendet, um ansonsten unerreichbare Vorstellungen zu verstehen. Sie erklären sich aus neuronalen Primatenschaltkreisen für den Umgang mit der physikalischen und sozialen Welt und sind eine Hauptursache für die Entwicklung menschlicher Intelligenz. Der Autor stellt ausführlich Wurzeln, Wirkung, Nutzanwendung und Grenzen der Metaphernbildung vor. Er erkennt, daß konkurrierende metaphorische Rahmen zu divergierenden Weltdeutungen und damit Streit führen, glaubt aber dennoch, daß es jenseits der Metaphern Wahrheit und Objektivität gibt.
Was ist eigentlich ein 'Name'? Eine kurzgefaßte Beschreibung oder ein starrer Designator? Ist 'Bedeutung' eine Referenz auf etwas oder der 'Sinn' einer Aussage? Und wo befinden sich Bedeutungen? Im Kopf oder in der Welt? Pinker führt ein in sprachliche Bedeutungstheorien und akzentuiert besonders den Konflikt zwischen der 'essentialistischen' Ausstattung unseres Geistes und der Erfassung komplexer Wirklichkeiten wie etwa biologischer Arten. Viele Wirklichkeitsphänomene in der Wissenschaft (Ist Pluto noch ein Planet?) oder im Rechtswesen (Was ist 'Hexerei', was eine 'Obszönität'?) sind beliebig ausdeutbar. Anschließend erläutert er Saul Krippkes Konzept eines notwendigen A-Posteriori-Wissens.
Tabuworte, die sich auf Sexualität, Ausscheidung, Religion, Tod, Krankheit, Verräter, Feinde und ethnisch unterprivilegierte Gruppen beziehen, sind Teil des umfassenderen Phänomens der Wortmagie. Pinker erklärt die magisch-essentialistische Funktion von Namen und die emotionale Einfärbung von Begriffen, die neben einer Bedeutung oft auch eine 'Nebenbedeutung' haben. Gut erforscht sind die neurophysiologischen Grundlagen von Flüchen, die auf einen Konflikt zwischen Neokortex und limbischem System und Amygdala zurückzuführen sind, deutlich nachweisbar etwa bei aphasischen Menschen oder bei Personen, die vom Tourette-Syndrom betroffen sind. Schwüre und Eide lassen sich als selbstauferlegte Verpflichtungen zur Glaubwürdigkeitsverstärkung der eigenen Versprechungen deuten.
Pinker konfrontiert die strengen Diskursregeln von Paul Grice mit dem tatsächlichen menschlichen Sprachgebrauch, mit indirekter, ausweichender, höflicher, andeutender, ehrerbietiger und ironischer Sprache zur Wahrung des Gesichtes und zur Verringerung sozialer Spannungen. Alan Fiske erklärt den Widerspruch zwischen Logik und Alltagspraxis aus drei verschiedenen während der Anthropogenese evolvierten Beziehungsmustern: solche, in deren Zentrum Solidarität liegt, andere, die um Macht kreisen, und schließlich Beziehungen, die sich auf sozialen Austausch konzentrieren. Pinker stellt die drei Säulen menschlichen Kommunikationsverhaltens ausführlich vor und betont auch die kulturellen Unterschiede bei der Umsetzung von Gemeinschaftlichkeit, Autorität und Austausch.
Pinker erkennt, daß Vergangenheit und Zukunft in der menschlichen Vorstellung mit Metaphysik imprägniert sind und mit der Gegenwart, dem Hypothetischen und dem Wünschbaren verschmolzen werden. Ebenso lösen Ereignisse, die nicht einfach nur geschehen, sondern verursacht werden, Intuitionen des Helfens, Hinderns, Verhinderns und Ermöglichens aus. Dennoch ist er überzeugt, daß Begriffsmetaphern und die kombinatorische Kraft der Sprache einen Rahmen für naturwissenschaftliche Gesetze und damit objektive Erkenntnis zur Verfügung stellen.
Das Werk ist ein großartiger und unbedingt empfehlenswerter Beitrag zum Verständnis der menschlichen Natur. Pinker ist sicher in der theoretischen wie metatheoretischen Reflexion und reichert sein Werk wie stets mit anschaulichen Beispielen und Anekdoten an. Die unentrinnbare Gewalt konkurrierender Weltdeutungen und die tragischen existentiellen Konsequenzen unserer propositionalen Symbol- und Satzsprache geraten ihm allerdings nicht in den Blick. Daher empfehle ich dringend zur ergänzenden Lektüre: Ernst TOPITSCH: "
Erkenntnis und Illusion: Grundstrukturen unserer Weltauffassung" (1988²); Ernst TUGENDHAT: "
Egozentrizität und Mystik: Eine anthropologische Studie" (2003); Karl EIBL: "
Animal Poeta - Bausteine der biologischen Kultur- und Literaturtheorie" (2004).