"WAS IST DAS SCHLIMMSTE AM ALTSEIN?" fragt ein junger Rennradfahrer mit viel überschüssiger Energie den alten, am Ende seiner Kraft angekommenen Alvin Straight. Er ist auf einem John Deere-Rasenmäher aus dem Jahr 1966 mit max. 5 Meilen pro Stunde von Laurens in Iowa nach Mt. Zion in Wisconsin unterwegs. Da lebt sein Bruder, mit dem er nach einem durch Alkohol verschärften Streit vor zehn Jahren kein Wort mehr gewechselt hat. Alvin weiß, dass ihm und dem engsten Gefährten einer kargen, armen Jugend in Minnesota nur noch wenig Zeit bleibt in dieser Welt. Er will Lyle unbedingt noch einmal sehen, sehen und sich mit ihm aussöhnen, bevor sie gehen müssen. Aus gesundheitlichen Gründen darf er kein Auto mehr fahren, aber diese Reise muss er aus eigener Kraft schaffen. Es ist seine Mission, keiner wird ihn davon abbringen - und für seinen Sitzrasenmäher braucht er keine Fahrerlaubnis. "DAS SCHLIMMSTE IST DIE ERINNERUNG AN DIE JUGEND" antwortet er den jungen Mann im Radfahrercamp.
Sehr unterschiedliche Menschen kreuzen Straights Weg in den rund sechs Wochen quer durch einen goldenen, lichtdurchfluteten Mittleren Westen zur Erntezeit. Meile um Meile nichts als schnurgerade Landstraßen durch wogende Weizenfelder; plattes Land, in denen die weißen, hohen Getreideheber wie fremdartige Kathedralen die höchsten Erhebungen darstellen. Lynch lässt uns und Alvin viel Zeit, diese Landschaft im vielleicht langsamsten Roadmovie der Filmgeschichte zu erleben. Und Alvin genießt die Stille und weite Einsamkeit seiner Heimat. Auch von ihr nimmt er Abschied. In seinem Alter bestimmt loslassen (bitte, bitte in Würde) das Leben. Ob er Angst habe, so allein unterwegs? Nein, ein Kriegsveteran, der den Koreakrieg und den Zweiten Weltkrieg überlebte, fürchtet sich nicht vor ein paar Nächten im Kornfeld! Er kommt noch gut klar, lässt sich nicht über die Ohren hauen und schreibt zwei stets streitenden Brüdern, die dies versuchen, tiefe Weisheiten hinter deren: "Ein Bruder ist ein Bruder. Keiner weiß mehr über dich, als ein Bruder in deinem Alter."
Am Ende wird Alvin Straight sein Ziel erreichen und nicht zu spät kommen. Die Angst, es nicht mehr rechtzeitig zu schaffen, hat ihn die ganze Reise begleitet und findet ihren Höhepunkt in einem einzigen Wort: "Lyle!?". Setz' dich, Alvin," sagt Lyle, als sie sich auf der Veranda seines windschiefen Häuschens gegenüber stehen. Auch hier Verfall. Seine Augen weiten sich, seine Gesichtsmuskeln zucken, als sein Blick auf den kleinen Mäher mit seinem großen Anhänger fällt, der seinen Bruder zu ihm brachte. Was für ein Ende und was für ein Film!
Der Gebrauch von Superlativen ist inflationär, sie sind daher mit Vorsicht zu genießen. Hier aber ist eins angebracht: Dieser Film gehört zu den schönsten, eindringlichsten Filmen überhaupt. Getragen wird er von Richard Farnsworth, einem Schauspieler, der zwar in vielen Filmen namhafter Regisseure mitspielte und auch zweimal für den Oscar nominiert wurde; ein kalifornisches Urgestein, das aber nie die Stufe eines Megastars erreichte. Schwer krebskrank und von Schmerzen gezeichnet spielt er, ist er, fast achtzigjährig, Alvin Straight. Die Intensität mit der er seine Rolle ausfüllt, berührt tief. Es ist seine letzte, seine beste, mit der er sich in die Herzen von Filmfans "spielte". Wenige Monate nach der Iowa-Premiere 1999 im Pocahontas' Rialto Theater erschoss er sich auf seiner Farm in New Mexico. Seine letzte Ruhestätte befindet sich in seiner Heimatstadt Los Angeles, wo er 1920 geboren wurde. Er kannte die goldenen Zeiten Hollywoods. Er war ein Teil davon.
Die "Straight-Story" ist in ihren Grundzügen wahr. Nachlesen kann man das zum Beispiel bei "DesMoinesRegister.com" unter "Famous Iowans". Alvin Straight (nomen est omen) lebte von 1921 bis 1996 das gewöhnliche Leben eines Kleinen Mannes in Iowa. Dass er durch diese ungewöhnliche Reise zu einem Volkshelden wurde, konnte er nie verstehen. Das Interesse an seiner Person fand er irritierend. Seine Geschichte aber passt zu Iowa. Sein Leben war einfach und hart. Viel Arbeit, viele Kinder, wenig Geld, sein Leben lang. Die beiden Kriege, in die er als Soldat verwickelt wurde, hatten tiefe Spuren hinterlassen, wie bei so vielen. Aber darüber sprechen sie so gut wie nie, die alten Männer. Nicht in Iowa und anderswo auch nicht.
Ein Hoch auf David Lynch darf hier am Ende auch nicht fehlen (recht so - nur in keine Schublade stecken lassen, das schadet der Kreativität!), genauso wenig wie auf Sissy Spacek, die im Film die leicht zurückgebliebene (von was?) Tochter von Alvin Straight verkörpert. Wie immer große Klasse, die unvergessene "Nashville Lady". Sie hat die Schauspielerei eben im Blut. Und noch ein Toast: Auf Angelo Badalamenti und seine wundervolle Musik.
Helga Kurz