Im Universum des David Lynch stellt "The Straight Story" die große Ausnahme dar. Dort, wo Lynch normalerweise darauf abzielt, beim Zuschauer mit einer stilisierten Flut an Schockszenen aus alptraumhaften Delirien und rätselhaften Metaphern ohne Regeln und ohne jegliche Logik für ein beklemmendes Unbehagen zu sorgen und den Betrachter mit dem komischen Horror seiner exzessiven Figuren und deren innersten Fantasien zu konfrontieren, macht er in diesem Road Movie einen Abstecher in den fragilen Kosmos der amerikanischen Provinz. Abseits von der modernen Gesellschaft, die Lynch sonst beleuchtet, wenn er in Filmen wie "Lost Highway" oder kurze Zeit später in "Mulholland Drive" das Scheinwerferlicht auf die toten Punkte von sexuellen Beziehungen und die aberwitzigen Windungen der Autoritätsfiguren richtete.
In dieser von der Weisheit eines milden Alterswerkes gekennzeichneten lyrischen Studie des amerikanischen Landlebens sattelt der 73-jährige verschrobene Witwer und sture Individualist Alvin Straight den Anhänger seiner Rasenmähermaschine, um sich mit diesem archaisch anmutenden Vehikel gegen die Ratschläge seiner Freunde sechs Wochen lang mit Schrittgeschwindigkeit auf den 500 Kilometer langen Weg von Iowa nach Mt. Zion in Wisconsin zu machen. Alvin, der geh- und sehbehindert ist, hat noch eine Rechnung offen. Er möchte sich mit seinem Bruder versöhnen, mit dem er sich vor mehr als 10 Jahren zerstritten hat und der nach einem Schlaganfall nur noch kurze Zeit zu leben hat. Auf dieser Reise in die Vergangenheit, die zur Standortbestimmung und biblischen Suche nach dem richtigen Weg im Leben wird, begegnen ihm allerlei skurrile Figuren.
In der Wiederentdeckung der Langsamkeit reflektiert Lynch basierend auf einer wahren Geschichte eigene Kindheitserinnerungen. Frei von Nostalgie entdeckt die Kamera verführerische Scope-Bilder einer malerischen Landschaft, die zugleich aufregend und gefährlich ist. Mitten in dieser pittoresken Schönheit jenseits aller Metropolen existieren bizarre Gestalten und die traumatischen Erlebnisse der dunklen Seiten des menschlichen Lebens. Da gibt es Dinge, die sich unausweichlich ihren Weg unter die Oberfläche bahnen. Kaputte Ehen, die Schatten des Krieges, ungewollt schwangere Teenager und die existenzielle Aussichtslosigkeit der Einsamkeit. Seelische Abgründe, die diesen Film dann eben doch zu einem gar nicht mal so untypischen Werk für Lynch machen. Mit traumwandlerischer Sicherheit verknüpft er die einzelnen Handlungsstränge und verziert die Härte des Daseins mit den Weihen der Groteske. Haarscharf schrammt er manchmal in messianischer Inbrunst an der einen oder anderen Plattitüde vorbei. Stuntlegende Richard Farnsworth gibt dem Sturkopf Alvin Straight diese gebrechliche Erscheinung, die mit ausdruckstarkem, weißbärtigem Gesicht und sprechenden Augen in stoischem Eigensinn und ohne angepasste Resignation ein Plädoyer für die inneren Werte, die Würde des Alters und den Gleichklang von Mensch und Natur hält. Insofern ist "The Straight Story" der ruhende und geradlinige Gegenpol zu den geheimnisvollen, traumähnlichen Welten vorangegangener Lynch-Werke wie etwa "Eraserhead" und "Blue Velvet", wo Lynch noch unter der Oberfläche des netten Mittelklasse-Amerika nicht gerade subtil Abartigkeit, Grausamkeit und Entsetzen hervorkehrte. Oft erinnert der Film gerade von den Landschaftsaufnahmen her an Terrence Malicks "Badlands" und "In der Glut des Südens". Sissy Spacek glänzt in der Rolle von Straights Tochter Rose, die sprachlich zurückgeblieben ist und wegen Verletzung der Aufsichtspflicht bestraft wird. Die akustische Sogkraft des Scores stammt erneut aus der Feder von Angelo Badalamenti.
Außer dem 11-seitigen Booklet und ein paar Trailern ist kein Bonusmaterial auf dieser Veröffentlichung aus der Reihe "Große Kinomomente" vorhanden. Das Booklet umfasst neben Produktionsnotizen, die Biografien von David Lynch, Sissy Spacek und Richard Farnsworth. Die Tonspur liegt jeweils in Englisch und Deutsch in Dolby Digital 5.1 vor. Das Bildformat ist 2,35:1 bzw. 16:9 anamorph codiert.