Damit hätte ich jetzt nicht mehr gerechnet. Da spiele ich seit fast zwei Jahrzehnten alle drei bis vier Wochen Space: 1889, ein inzwischen eingestelltes Rollenspiel aus den 80ern, freue mich mit meinen Jungs (und dem Mädel) aus der Runde, dass wir hier die letzten Mohikaner des Viktorianischen Zeitalters sind - und dann wird das ganze wieder aktuell, fast schon eine neue Untergrundkultur, so könnte man sagen. Und das alles, trotzdem Hollywood in den letzten Jahren viel getan hat, um Ansätze zu einem Revival bereits im Ansatz zu ersticken, vor allem durch Filmadaptionen wie die des eigentlich ja genialen "League of Extraordinary Gentlemen" oder auch durch kalte Starvehikel wie "Wild Wild West". Aber nein, es gibt auch eine Neuauflage der Verfilmung von Sherlock Holmes, die zumindest humorvoll ist, und dann noch solche Filme wie "Der Goldene Kompass" oder auch "Skycaptains of Tomorrow", die zeigen, dass man andere Welten nicht nur auf der Leinwand zeigen kann, sondern dass man als Zuschauer oder Leser in Sie eintauchen und so sein eigenes Leben erweitern kann. Und ja, das ist natürlich Eskapismus, aber trotzdem großartig. Phantasie für Erwachsene. Und so lesen wir jetzt alle wieder Jules Verne, H. G. Wells und Arthur Conan Doyle und stellen dabei fest, dass diese neben den netten Abenteuergeschichten auch noch eine Botschaft hatten und haben. Und schließlich hat sich auch schon Thomas Pynchon mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert beschäftigt und Eco tut das wohl auch gerade.
Nun ist Steampunk aber nicht nur ein Hobby für uns verkommene Akademiker. Vielmehr haben plötzlich ganz viele Menschen das Thema entdeckt, und zwar auch als Kleidungs- oder Musikstil oder als Grund, mal wieder in guter Gesellschaft einen zu heben. Künstler basteln Objekte, die aus einer anderen Zeit zu kommen scheinen. Und man entdeckt, dass das Thema in Film und Fernsehen eigentlich nie richtig tot war. Das vorliegende Buch fast diese ganze Bewegung nun in einem - für das Thema eher etwas kurzen und kleinen - Band zusammen. Und damit kann das Buch natürlich nur einen groben Überblick geben. Das führt dazu, dass viele der einzelnen Fans sich nicht unbedingt wiederfinden werden. Die Szene besteht aus vielen Teilen, und nicht immer stimmen diese in der Interpretation der Idee überein. Aber mehr als eine Übersicht, über das was da gerade entsteht, will das Buch auch nicht sein. Und als solche finde ich es dann manchmal ein wenig oberflächlich, aber insgesamt eben doch sehr brauchbar.
Und auch optisch macht das Buch eben etwas her. Im Gegensatz zu früher wird hier weniger über Kolonialismus, über Entdeckertum und die britische Klassengesellschaft gesprochen, sondern das ganze lebt inzwischen auch sehr von der Optik, von dem visuellen Erlebnis einer Zukunft, die dann doch nicht eingetroffen ist. Und das merkt man auch in diesem Band. Er lebt von seinen vielen Abbildungen. Und so ist die Aufmachung des Titelbildes durchaus typisch für den Inhalt des Buches. Liebevoll hat man hier schöne Photos und gute Abbildungen zusammengestellt, wobei man bei vielen nicht entscheiden will, aus welcher Zeit sie denn wirklich stammen. Gut, dass das Buch dann die Quellen jeweils erläutert. Und auch eine Übersicht über ein paar Kontakte in die Szene gibt es, wobei diese sich natürlich auf die englischsprachigen Länder konzentrieren.
Treckies waren gestern. Die Gentlemen sind im Kommen. Lassen wir Dampf ab.