Diese Rezension geht auf den Inhalt des Romans ein (Spoilerwarnung).
Vorwort:
Eigentlich begann ja das ganze Unterfangen über ein Hintertürchen - wie auch im Falle der achten Staffel von Deep Space Nine". Das Buch Last Full Measure", eigentlich ein im Xindi-Arc angesiedeltes Abenteuer, bot uns im Prolog unversehens ein Highlight: Irgendwann unmittelbar vor der Fertigstellung der Enterprise-1701, die später einmal von James Kirk durchs All gejagt werden wird, besucht ein alter, schier von der Welt vergessener Mann ein Sternenflotten-Denkmal, um sich zu erinnern. Im Epilog dann die schockartige Überraschung: Der hundertjährige Greis ist kein Geringerer als Charles ,Trip' Tucker, der in der letzten TV-Episode frei von Glanz und Gloria sein Ableben fristen durfte. Keine Frage, nach diesem Auftakt, der ambitionierter erschien als ein bloßes Easteregg, musste das Autorenduo Mangels/Martin - Zugpferde des neuen Enterprise"-Relaunch - liefern. Trip also gar nicht wirklich tot? Das riecht gehörig nach Geschichtsneuschreibung. Und so wahnsinnig daneben liegt man mit diesem Verdacht gar nicht. Tatsächlich sind M&M, wie sie in der Szene genannt werden, im ersten richtigen Enterprise"-Sequel bemüht, die seit These Are The Voyages..." angeschlagenen Seelen vieler Fans zu kraulen, frei nach dem Motto: ,Was sich Riker und Troi da auf dem Holodeck ansahen, das war History Fake, mehr nicht. Es war eigentlich alles ganz anders. Trip lebt, und wir sind wieder im Geschäft.' Im Geschäft, im wahrsten Wortsinn. Der stubsnäsige Sunnyboy aus der Warpkernkammer also doch nicht tot? History Fake? Wie passt das mit dem Gesehenen zusammen? Ganz einfach: Trip musste sterben - für die Akten. Weil er woanders wichtig wurde. Richtig vermutet, undercover. Wieder richtig: Es hat etwas mit Sektion 31 zu tun, und die Romulaner sind auch nicht weit. Wo wir gleich dabei sind: Verschieben wir den Handlungsrahmen von 2161 doch nach 2155 - wo die Serie streng genommen nach Terra Prime" endete. Einiges wird revidiert, einiges modifiziert - und schon haben wir das perfekte Sprungbrett in die literarische fünfte Staffel.
Inhalt:
M&Ms Vorliebe für die Einbettung ihrer Storys in eine Retrospektive kommt auch in diesem Buch zum Tragen. In The Good That Men Do" - der Titel folgt wiederum einer ihrer Vorlieben für Shakespeare-Zitate - treffen sich im 25. Jahrhundert zwei längst erwachsen gewordene Sandkastenfreunde, namentlich Jake Sisko und Nog. Und letzterer hat, mehr zufällig, eine zwischen Sensation und Schock pendelnde Entdeckung gemacht: In geheimen Dateien der Sternenflotte fand er Hinweise darauf, dass die Geschichtsbücher im Zeitraum 2155 bis 2161 nicht stimmen. Die von ihm entdeckten Informationen, [...] it may just change everything we know - or everything that we've been told - about the founding of the Federation itself" (7). Und so sichten die beiden Freunde das, was wie eine große Verschwörung anmutet. Die Geschichte wird neu erzählt, und alles beginnt nicht etwa mit der Föderationsgründung, sondern unmittelbar nach dem Terra Prime-Zwischenfall (dort, wo die TV-Serie ergo aufhörte): Die Gespräche um die Etablierung einer Koalition der Planeten werden ein wenig zögerlich fortgesetzt, die Enterprise-Crew befindet sich alles andere als in Höchstform. Archer macht sich gewisse Vorwürfe, mit seiner Rede einen Rückzug bestimmter Delegationen nicht verhindert zu haben, T'Pol und Trip setzen auf Vulkan ihre Tochter bei. Kurz darauf schon beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen: Tief in romulanischem Raum wird ein neuer Antriebsgenerator getestet - mit verheerendem Ergebnis. Da die Romulaner nicht aus eigener Kraft imstande sind, ihre technologischen Fähigkeiten schnell zu erweitern, explodiert ihre Paranoia geradezu: Admiral Valdore - der Widersacher aus dem Babel"-Dreiteiler der vierten Staffel - wird rehabilitiert und will nach den Sternen greifen, bevor die Erde und ihre Verbündeten dem Sternenimperium in irgendeiner Weise zur Bedrohung erwachsen können. Die blockfreie Welt Coridan - seit ehedem bekannt für ihre schnellen Schiffe und ihren hohen technologischen Entwicklungsstand - liegt im Fokus seiner Begierde. Eilig entführt er neue Aenar - darunter auch Shrans Bondmate Jhamel und will so eine ganze Flotte von Drohnenschiffen zur Invasion Coridans bemühen. Sektion 31 kriegt Wind davon, und wo der mysteriöse Geheimbund um den einstigen Sternenflotten-Commander Harris die Lauscher spitzt, da kann Malcolm Reed nicht weit sein. Tatsächlich aber spielt er diesmal nur eine vermittelnde Rolle: Er führt ,Trip' Tucker an Harris heran. Angesichts seiner verheerenden persönlichen Erfahrungen (wir erinnern uns an den Tod seiner Schwester) während der Xindi-Krise kann der Chefingenieur die schwelende Bedrohung durch die Romulaner nicht hoch genug einschätzen. Damit steht er in auffälligem Kontrast zum neuen Sternenflotten-Oberkommandierenden Gardner und dessen Umfeld, wo bislang kaum Initiativen gegen eine womöglich am galaktischen Horizont heraufziehende Gefahr ergriffen wurden. Dies verstärkt nur Trips Wunsch, einem neuen Angriff auf die Erde zuvorzukommen. Kaum hat er mit Harris gesprochen, spürt Trip einen emotionalen Sog: Alleine schon wegen seines Gewissens - da ist das Gefühl, einmal versagt zu haben - kann er nicht weggehen. Und er kommt Harris mit seinen einzigartigen Erfahrungen ob romulanischer Technologie (Babel One"/United") mehr als gelegen. Harris versichert ihm, ihn ständig mit Informationen und besonderen Gelegenheiten zu versorgen. Erstaunlich schnell stellt Trip fest, dass sich sein ganzes Leben ändern muss, um die Romulaner wirkungsvoll bekämpfen zu können. Für ihn gibt es nur eine Möglichkeit: Er muss sterben - um als Geheimagent wiedergeboren zu werden...
Kritik:
Das Buch erzählt also, dass und warum Trip seinen Tod vorgetäuscht hat und im weiteren Verlauf auch über seinen Anschluss an Sektion 31. Er lässt sich chirurgisch das Aussehen eines Romulaners verpassen und arbeitet von da an undercover. Nur Archer, Reed, Phlox und schließlich T'Pol wissen davon. Mit dieser Revolution stehen M&M sogar in guter Tradition zu einer binnen vier TV-Staffeln ständigen wechselnden Schwerpunktsetzung der Serie. Und tatsächlich: Die Story rund um Trips Spionagemission ist wirklich äußerst spannend. Alles in allem gilt es zu verhindern, dass ein alter romulanischer Wissenschaftler einen Warp-sieben-Antrieb samt Quantensingularität für eine abtrünnige, militante Gruppierung der Romulaner baut (jener Mann, der zum Anfang des Buches eine wissenschaftliche Niederlage erleidet und dann von der genannten Gruppierung abgeworben wird). Aber was ist mit dem großen Ganzen, was ist nun mit The Good That Men Do"? Als Rezensent, der seine Arbeit aufrichtig meint, wird eine ehrliche Antwort von einem erwartet. Ich bin also ehrlich: Im Gegensatz zu vielen nach dem Erscheinen von The Good That Men Do" im Internet wie ad-hoc erfolgten Lobeshymnen kann ich mich dem Jubelschwall der letzteren nicht anschließen. Das Buch ist eine herbe Enttäuschung, und das hat, wie so oft, mehrere Gründe. Zuvordererst der triftigste: Gerade bei kommerziell arbeitenden Trek-Autoren - die Mangels und Martin nun einmal sind - hätte ich mir mehr Einfallreichtum erhofft als eine bloße Revidierung des in der letzten Enterprise"-Episode Gezeigtem gewünscht. Zugegeben, die Ausgangslage, vor die ein potentieller Relaunch der Serie in Buchform durch These Are The Voyages..." (eine grausame Folge!) gestellt wurde, ist nicht unbedingt optimal: Die Crew(konstellationen) und die Ränge sind offenbar bis 2161 gleich geblieben, die Beziehung zwischen T'Pol und Trip scheint merkwürdigerweise keine sonderliche Entwicklung nach Terra Prime" mehr durchgemacht zu haben und vor allem war der Tod des Chefingenieurs nicht nur überflüssig, sondern auch vollkommen versaubeutelt in Szene gesetzt - um nur ein paar Beispiele zu nennen. Nichtsdestoweniger verletzt es meines Erachtens nach eine gewisse goldene Regel, wenn Autoren mit dem Canon auf so krasse Weise brechen, anstatt die offizielle Faktenlage so zu massieren, dass etwas Neues daraus geformt werden kann, ohne das Alte preiszugeben. Was das Tandem M&M gewissermaßen von Anfang an tut, kann mit dem Wort ,Geschichtsrevisionismus' treffend beschrieben werden. Sie betten, gemäß ihrer (auch schon in Last Full Measure verfolgten) Gewohnheit, die Story um Archer, Trip & Kohorten in eine historische Rückblende ein - so weit, so gut. Doch dann tanzt das Drehbuch Amok: Plötzlich wird im 25. Jahrhundert wie durch Zufall von zwei alten Bekannten entdeckt, dass die (in These Are The Voyages..." gezeigten Holo-)Aufzeichnungen fehlerhaft seien, und dass sich die Geschichte der Enterprise eigentlich ganz anders zugetragen habe, vor allem aber habe Trip nie sein Ableben gefristet. Immer wieder werden Szenen aus der letzten Folge in modifizierter Form in das Buch eingeflochten, auf dass die Handlung in eine ganz andere Richtung läuft. Im Übrigen besteht einer der Griffe von Mangels und Martin darin, dass sie die wirkliche Geschichte aus dem Jahr 2161 nach 2155 holen, womit The Good That Men Do" zum faktischen Beginn der fünften Enterprise"-Staffel mutiert. Alles in allem gibt es viel zu viele Korrekturen an den Ereignissen aus These Are The Voyages...", und manchmal mag sich der Leser fragen, wieso die Autoren überhaupt noch so viel Wert auf so viele liebevolle Querverbindungen zur Serie legen, wenn sie am Ende doch alles Gesagte über den Haufen schmeißen.
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