Ich langweile Euch erst einmal mit ein bißchen "Jazzhistorie" (und entschuldige mich direkt für die Ungenauigkeiten): bekanntlich waren es ja früher (und damit meine ich in den 30ern und 40ern des letzten Jahrhunderts) vornehmlich Musicalstücke und andere Gassenhauer, die die Grundlage für viele Jazzstücke bildeten. Mit aufgemotzten Harmonien oder komplett ausgewechselten Melodien wurde daraus das, was später die Jazz "Standards" genannt wurden, Stücke wie "All The Things You Are" und "Autumn Leaves", die jeder kennt, der schon einmal mit Jazz in Kontakt kam.
Auf dieser Platte, die bescheidenerweise "The New Standard" heißt, nimmt sich Herbie Hancock nun Popmusik vor. Angefangen bei "Norwegian Woods" von den Beatles über "Thieves In The Temple" von Prince bis zu "All Apologies" von Nirvana, alles muß einer Umarbeitung nach allen Regeln der Kunst standhalten.
Mit einem echten Star-Line-Up (Michael Brecker am Tenor, Dave Holland am Bass, Jack DeJohnette am Schlagzeug, John Scofield an der Gitarre und Don Alias an der Percussion) ist dabei eine Platte entstanden, die mich damals bei erstem Hören so gefangennahm, dass ich nach den ersten 30 Sekunden des ersten Herbiesolos die Platte (d.h. die CD) gekauft habe. Es war einfach die schiere Energie von Herbie's Spiel, die mich überzeugt hat.
Im Wesentlichen wird akustischer Jazz dargeboten, abgesehen von manchen Eigensinnigkeiten, wie z.B. einer Sitar auf "All Apologies", oder den kompletten Ersatz des Drumkits durch ein paar ebenfalls indisch anmutenden Percussioninstrumenten z.b. auf "Mercy Street". Auf "When I can see you" gibt es sogar einen echten (!) Streichersatz - alles in allem also ein Abkehr von dem ganzen Elektrokram, den Herbie seit den 80ern verfolgt hat.
Das ganze reicht von energiegeladenen Krachern wie "New York Minute" über wunderschön dahinfließende Stücke wie "Norwegian Wood". "Thieves in The Temple" hingegen groovt ordentlich, das oben schon erwähnte "All Apologies" ist ein Duo zwischen John Scofield an einer "electric sitar" und Herbie, und "Manhattan" ist schließlich eine kleine Solo Einlage von Herbie himself.
Die Platte schafft es, eine beeindruckende Balance zwischen Wohlklang (der Sound von "Norwegian Wood" ist ein echter Ohrenschmeichler) und authentischer Spielfreude (ist ja auch kein Kunststück, die kennen sich ja alle schon ewig) zu halten, so dass bei aller Kontaktfreude zur Popmusik ein lupenreines Jazzalbum herausgekommen ist. Jack DeJohnettes Wandlungsfähigkeit ist schlicht beeindruckend.
Manchem mag der Mix ein bißchen zu extrem sein, mit straight-ahead Jazz hat das nicht viel zu tun (wobei ich andere Platten, zum Beispiel "Gershwin's World" noch um einiges extremer finde, da gibt es von klassischer Orchestermusik bis zu Stevie Wonder alles), aber mich hat der Mix überzeugt. Andererseits verlangt das ganze dem Zuhörer, der über die Popstücke ersten Kontakt zum Jazz sucht etwas mehr ab, als zum Beispiel Paul Anka's "Rock Swings". Anyway, ich denke, es lohnt sich.