Auf die Gefahr hin, von Die-Hard Fans des Buches mit nicht hilfreichen Bewertungen abgestraft zu werden, muss ich meine Enttäuschung über den Roman zum Ausdruck bringen. Ich hatte wirklich hohe Erwartungen an die Geschichte, die sich auf zwei Bände zu je 700 Seiten aufteilt ... wahrscheinlich zu hohe. Da meine Rezension auch einige Informationen zum Handlungsverlauf enthält, sollten Personen, die noch nichts erfahren wollen, lieber nicht weiterlesen.
Die Geschichte lässt sich grob in 3 Abschnitte unterteilen:
1. Ausbruch einer mysteriösen Krankheit, auch Captain Trips genannt, Massensterben von Menschen und schließlich der Kollaps der gesellschaftlichen Ordnung.
2. Die Überlebenden teilen sich in ein gutes und ein schlechtes Lager auf und planen ihr weiteres Vorgehen. Angeführt werden die beiden Parteien von der schwarzen, bibeltreuen 108-jährigen Abagail Freemantle auf der einen, und von dem personifizierten Bösen in Menschengestalt, Randall Flagg, auch als Wandelnder Geck und unter vielen anderen Spitznamen bekannt, auf der anderen Seite.
3. Finale Konfrontation der zwei Mächte und Epilog.
Das Buch beginnt, nach der Vorstellungsphase wichtiger Hauptcharaktere, recht zügig und spannend. Die Beschreibungen zur Ursache des Ausbruchs von Captain Trips, ihr Wirken und ihre Folgen sind kurzweilig beschrieben und führen den Leser in das erschreckendes Szenario einer ausgestorbenen Welt ein. Begebenheiten wie das Durchqueren des dunklen Tunnels jagen einem auch schonmal einen Schauer über den Rücken.
Leider ist der zweite Teil, im Gegensatz zum durchaus gelungenen ersten Teil, extrem langgezogen, langwierig und langweilig. Im Grunde besteht er nur aus dem Reisen und Reden der Protagonisten, die so die Handlung in gefühlter Echtzeit vorantreiben. Kurze Blicke zu dem sehr gut gezeichneten Nebencharakter Mülleimermann und gelegentlich vorkommende, spannendere Vorkommnisse, retten diesen Abschnitt der Geschichte zwar vor dem Totalausfall, trotzdem bleibt es eine Qual, sich durch die wiederholenden Gespräche und Gefühle der Charaktere (zum Beispiel Larry und seine Selbstzweifel) zu Quälen. Der deutlich flottere, finale Part entwickelt sich dann doch recht unerwartet - man könnte aber auch unbefriedigend sagen.
Als Fan vieler Bücher des Autors und aufgrund der vielen positiven Bewertungen zu diesem Werk, hatte ich stellenweise das Gefühl, die falsche Geschichte zu lesen. Handlungsverlauf, Spannungsbögen und Dramaturgie gehen leider in viel zu oft vorkommenden Abschweifungen verloren, in denen die Lebensgeschichte der Protagonisten genauer beleuchtet wird - Ein Spagat, der zum Beispiel in "Es" mehr als gelungen, hier aber völlig daneben gegangen ist und sich in vielen hundert Seiten gähnender Langeweile resultiert. Ich habe die gekürzte Ausgabe zwar nie gelesen, aber wenn dafür der Mittelteil und der viel zu lang geratene Ausklang der Geschichte gekürzt wurden, sollte man eher nach dieser Ausgabe von "The Stand" Ausschau halten.
Apropos, wer auf Bibelinhalte oder Amerikanischen Patriotismus allergisch reagiert, sollte einen Bogen um dieses Buch machen, denn es fließt schon gerne mal eine Träne, wenn die Amerikanische Hymne mit voller Inbrunst gesungen wird, usw.
Für mich ist das 4. Buch von Stephen King jedenfalls, trotz tollem Szenario, die reinste Enttäuschung. Interessenten sollten sich auf alle Fälle auf ein Buch vorbereiten, auf das man sich voll und ganz einlassen sollte und das auch einige (größere) Längen aufweist. King-Einsteigern würde ich zur Wahl eines anderen Buches raten. Wegen dem gelungenen Anfang, der guten Grundidee, einigen nett gestalteten Charakteren, ein parr überraschenden Wendungen und wegen der Tatsache, in einer Gut gegen Böse Geschichte nie ganz ins Triviale zu schlittern, reicht es noch knapp für 3 Sterne.