Er schreibe so, "wie Hitchcock zu seiner besten Zeit filmte", hat mal jemand über Stephen King geschrieben. Jemand anders hat mal festgestellt, King habe gewissermaßen eine neue Art von Fans von Horrorgeschichten geschaffen - nämlich solche, die Schauergeschichten eben nur dann lesen, wenn sie auch wirklich von King sind.
Und der Autor selbst? Hat seine Werke in einer oft zitierten Aussage mal als das literarische Äquivalent eines Hamburgers mit Pommes Frites bezeichnet.
Ich finde, diese Aussagen beschreiben Kings Oeuvre schon ganz gut. Ich würde allerdings noch gern etwas hinzufügen: Das Schlechteste an Stephen Kings Romanen, die von der Kritik nicht immer zu Recht gescholten werden, sind in Wirklichkeit ihre Adaptionen für die Leinwand. Bei einigen der in meinen Augen schlechtesten Verfilmungen hat der Meister sogar selbst seine Hand im Spiel gehabt: Der unsäglich grottige "Rhea M - Es begann ohne Warnung" (basierend auf Kings Kurzgeschichte "Trucks") sowie eine vor geraumer Zeit fürs Puschenkino produzierte Verfilmung von Kings Roman "Shining" führen eindrucksvoll vor Augen, dass ein guter Autor nicht zwangsläufig auch schon ein guter Drehbuchautor sein muss.
Das Enttäuschendste am Buch fand ich den TV-Mehrteiler, den man daraus gemacht hat
Auch "The Stand" (deutsch: "Das letzte Gefecht") hat man dereinst so aufbereitet, dass auch ein bibliophobes Publikum etwas davon hat, und auch in diesem Fall zeichnet Mister King nicht nur für die Romanvorlage verantwortlich, sondern auch fürs Drehbuch.
Die Mini-TV-Serie habe ich mir, als irgendein Sender sie ausgestrahlt hat, angesehen. Wenn ich mich recht erinnere, war die sogar vergleichsweise manierlich geraten. Wirklich bleibenden Eindruck hat sie bei mir allerdings nicht hinterlassen, und das ist sicher auch ganz gut so, denn den Roman "The Stand" habe ich gern gelesen - und das auch noch beim wiederholten Male: eine Weile lang habe ich "The Stand" mit ziemlicher Regelmäßigkeit gelesen. Im Klartext heißt das soviel wie: Einmal im Jahr habe ich mich mit dem Wälzer ein Wochenende lang in Klausur begeben und habe meine Bekanntschaft mit Frances "Frannie" Goldsmith, Stu Redman, Nick Andros (siehe da, die drei fallen mir auch nach Jahr und Tag auf Anhieb ein - und den Rest bekäme ich sicher auch noch ohne Googeln zusammen, wenn ich ein bisschen länger grübelte) erneuert.
1168 Seiten Kopfkino
Auch "The Stand" steht sicherlich nicht für literarische Hochkultur, ist m. E. aber trotzdem lesenswert. Für ein werk der Unterhaltungsliteratur sägt "The Stand" mit seiner Vielzahl von Handlungssträngen sogar ein vergleichsweise dickes Brett: Wer wirklich nur leichte Heftchenromankost gewöhnt ist, der verliert wahrscheinlich schnell den Überblick, die Geduld oder beides. Im ungekürzten Original, erstmals veröffentlicht Anfang der 90er Jahre, ist Kings Endzeit-Schwarte stolze 1168 Seiten stark, und ein nicht unwesentlicher Teil des Wälzers besteht aus dem, was man gemeinhin Exposition nennt. Mit anderen Worten: King nimmt sich erst einmal gehörig Zeit, uns mit den Hauptfiguren des Buchs vertraut zu machen (und das sind nicht wenige).
Danach dezimiert King den Rest der Menschheit dann per Supergrippe ganz genüsslich und ausführlich. Und lässt nur noch ein paar versprengte Häuflein übrig, die sich dann peu à peu um einen von zwei prospektive Führergestalten scharen. Die eine davon ist ein uralte schwarze Großmama, beim anderen ist offenbar der Gottseibeiuns persönlich, der uns hier in Gestalt eines gewissen Randall Flagg begegnet.
Beide, die gütige Großmutter wie der finstere Flagg, verfügen offenkundig über die Gabe, telepathisch mit anderen in Kontakt zu treten. Jedenfalls tauchen beide in den Träumen der Rest-Menschheit auf, und die macht sich in der Folge auf den Weg - die einen nach Las Vegas, dortselbst Flagg ein wehrhaftes Imperium errichtet, dessen Einwohner er durch Angst und Schrecken gefügig hält. Die anderen zieht es zunächst an einen weitaus idyllischeren Ort, an dem, auf der Terrasse einer Farm inmitten wogender Felder, Flaggs heller Gegenpol bereits seine eigene Fanbase erwartet.
Was in der Folge passiert, lässt sich, wie so oft bei den Romanen Kings, in kurzen Sätzen zusammenfassen: Die Bösen rüsten zur alles entscheidenden Endschlacht, und getreu Edmund Burkes Mahnung, das Böse habe leichtes Spiel, solange die Guten nur nichts täten ("All that is necessary for the triumph of evil is that good men do nothing"), müssen die Guten tun, was die Guten nun mal tun müssen. In diesem Falle heißt die Devise freilich nicht Drehen an der Rüstungsschraube, sondern, auch das wird den Guten in Träumen und Visionen mitgeteilt, eine kleine Abordnung in die Höhle des Löwen schicken - unbewaffnet und auch ohne sonstiges Rüstzeug; nicht einmal Proviant sollen die Missionare mitnehmen. Alles andere werde sich schon weisen. Was sich in der kurzen Inhaltsangabe hanebüchen ausnimmt bietet, auch das typisch für King, in der Langversion überaus spannende Lektüre. Die verdankt ihren hohen Unterhaltungswert nämlich nicht so sehr einer einfallsreichen und an Wendungen reichen Story (mal ehrlich: King variiert von jeher die immer gleichen Archetypen von Schauergeschichten - das aber sehr gekonnt), sondern vor allem der Begabung Kings, aus Tinte und Papier höchst lebendig wirkende Figuren entstehen zu lassen: die besten King-Romane waren nie die mit den scheußlichsten Monstern, sondern die mit den überzeugendsten menschlichen Protagonisten, um die man dann als Leser umso engagierter bangen durfte.
Genau davon lebt auch "The Stand": Von Figuren, die King uns so detailliert beschreibt, dass seine Leser sich ziemlich bald gut Freund mit den Helden seiner Geschichte fühlt. Und weil King sein Handwerk versteht, spielt er mit fortschreitender Handlung äußerst geschickt mit den Erwartungen seiner Leser - und führt einen an einer Stelle kräftig an der Nase herum: Ich erinnere mich nun gut daran, wie schockiert ich seinerzeit war, nachdem ich King auf den Leim gegangen war. Dass ich tatsächlich in eine Falle getappt war, ist mir natürlich, wie vom Verfasser geplant, erst einige Kapitel später klar geworden. Welcher gut vorbereitete Satz einem King genügt, seine Leser aufs Glatteis zu führen, sei an dieser Stelle nicht verraten - möge es genügen zu sagen, dass King einfach ein Meister des literarischen Cliffhangers ist. Den setzt er oft und gern ein, und nicht zuletzt deshalb sind seine besten Bücher wahre "page turners" - will sagen: Wenn man einmal mit der Lektüre angefangen hat, mag man so schnell nicht aufhören.
Kauftipp: die illustrierte Originalausgabe
Das Buch "The Stand", das für mich zu den unterhaltsamsten King-Romanen zählt, ist dafür ein gutes Beispiel. Wer sich nicht nur Gänsehaut verschaffen, sondern ganz nebenbei sein Englisch etwas aufpolieren möchte, dem kann ich das englischsprachige Original empfehlen; meine gebundene Ausgabe bietet neben dem Text übrigens die kongenialen Illustrationen, die Horror-Comic-Legende Berni Wrightson für die Neuauflage des Romans in ungekürzter Fassung angefertigt hat - für Zeitgenossen mit überdurchschnittlich ausgeprägtem Sinn fürs Makabre müsste das Grund genug sein, die günstigere Taschenbuchausgabe in diesem Falle links liegen zu lassen.
R e s ü m e e
"The Stand" ist m. E. eines von Stephen Kings besten Büchern; die Story fesselt vor allem dank des glaubhaft beschriebenen Figurenpersonals; sein Schreckensszenario einer Suppergrippe zeichnet King ebenfalls sehr realistisch. Dass King sich für seine Exposition der Handlung mehrere hundert Seiten Zeit lässt, zeugt davon, mit welchem Genuss King die Menschheit in diesem Werk literarisch ausradiert hat - ein Schelm, wer Böses dabei denkt.