Eigentlich sollte das fünfte Album schon viel früher erscheinen, aber Nelly Furtado hat ihre alten Pläne über Bord geworfen und etwas anderes kreiert. Sie hat angekündigt, dass sie zu ihren Wurzeln zurückkehren will. Das ist ihr mit der vorliegenden Platte auch tatsächlich gelungen: THE SPIRIT INDESTRUCTIBLE ist eine Mischung aus dem quietschfidelen und überdrehtem Ethno-Pop von WHOA, NELLY!, der sie groß machte, und den synthetisch-wuchtigen Beats von LOOSE, die ihr zu internationaler Anerkennung verholfen haben. Das Werk ist quasi eine Art neu interpretiertes Best Of ihrer Hits, die von improvisierst wirkenden Sprachintros eingeleitet werden, und passt sich sehr gut dem derzeitigen Chartgeschehen an.
Der erste Anspieltipp ist auch gleich die Eröffnungsnummer SPIRIT INDESTRUCTIBLE, die wie eigentlich jedes Lied von Nelly, einen bedeutenden Hintergrund hat. Sie hat es einem Freund gewidmet, der im Kleinkindsalter seine Beine verloren hat, sich davon jedoch nie unterkriegen ließ und heute sogar Berge erklimmt. Er hat den "unverwüstlichen Geist", von dem die Ausnahmekünstlerin singt.
Weiter geht es mit der gewöhnungsbedürftigen Leadsingle BIG HOOPS (BIGGER THE BETTER), die entgegen aller Erwartungen mit einem wirren Songtext über große Ohrringe, Rucksäcke, Sex und Freiheit zu hoffnungslos übersteuerten Bässen von sich Reden lässt. SOMETHING mit einem Featuring-Part von Rapper Nas ist übrigens in derselben kleinen Sparte von Tracks einzureihen, denen man mehr Zeit gönnen muss, damit sich deren Potential entfalten kann.
In Track Nummer Drei HIGH LIFE kehrt Nelly Furtado wieder zur alten Stärke zurück und vertieft ein Thema, das sich durch ihre ganze Karriere zieht: Was kommt mit dem Erfolg und Ruhm? Das hat sie sich früher schon in ....ON THE RADIO (REMEMBER THE DAYS) gefragt. Die Krux daraus ist dieselbe wie früher: Bleibe dir treu und genieße die Zeit im Rampenlicht. Alle Angehörigen, die nicht vor Neid erblassen, sind eingeladen weiterhin zu ihr zu stehen. Und wenn nicht, was soll's? Sie kennt keine Feinde, fällt sie doch zu oft über ihre eigenen Füße (Stichwort ENEMY). Wobei angemerkt werden muss, dass HIGH LIFE durch den Rap-Part von Ace Primo mehr wie AFRAID vom LOOSE-Album als ....ON THE RADIO anmutet.
Das Thema der wahren Freundschaft weitet Nelly übrigens noch im Abschlusslied der ersten Disc aus, das den treffenden Titel BELIEVERS (ARAB SPRING) trägt. Dieser Song ist wahrlich hitverdächtig, hat kein Geringerer als Popgarant Rick Nowels mit daran geschrieben. Nelly hat bereits in der Vergangenheit mit ihm zusammengearbeitet, und zwar an IN GOD'S HANDS, und genau daran knüpft BELIEVERS zusammen mit BUCKET LIST und END OF THE WORLD von CD Zwei an. Alle drei Titel sind schnörkellos-konventionelle Popballaden, die gefühlvoll eingesungen wurden und sicherlich keine schlechte Wahl zur Singleauskopplung abgeben.
Jedenfalls berichtet die aktuellste Single PARKING LOT von süßer Nebensächlichkeit und distanziert sich von der zuvor angestimmten Seriosität aus HIGH LIFE. Es handelt sich dabei um jenen Leichtsinn bzw. Spaß, den Madonna mit ihrer derzeitigen Auskopplung TURN UP THE RADIO gerne erreicht hätte. Einfach einmal nichts tun und die Mucke aufdrehen, am besten im Auto. Mit dem passenden Sound, den PARKING LOT liefert, macht man das doch gern. Man merkt einfach die Freude der Sängerin in jedem digitalem Bit der Aufnahme an.
Einen weiteren Höhepunkt stellt WAITING FOR THE NIGHT dar. Es ist äußerst "catchy", um es neudeutsch auszudrücken. Die Akkordeonklänge, die währenddessen angestimmt werden, und die die schnelle Tanznummer zum Ende bringen, machen den Titel zu etwas Besonderem.
Hochkarätig geht es mit der Ballade MIRACLES weiter, die eigentlich sofort bei den Hörern fruchten dürfte. Hierin gibt sich Nelly ihrem Liebsten völlig hin und verwendet bei der Beschreibung religiös-esoterische Begriffe, die das Konzept des Albums von Geistigkeit aufgreifen.
Das Triumvirat aus drei starken, aufeinanderfolgenden Tracks wird mit CIRCLES abgeschlossen, das abgehakte Synthies in Dauerschleife bereithält, dabei auch mit sanftem Gesang auftrumpft ("Dial into me"- sehr bildlich).
Die Deluxe Edition von THE SPIRIT INDESTRUCTIBLE enthält, wie weiter oben schon angedeutet, eine weitere CD, die das Album mannigfaltig erweitert. Den Titel des absoluten Highlights dieser Beigabe wird meines Erachtens nach durch DON'T LEAVE ME bestritten. Diese Nummer bringt ein chilliges Reggae-Arrangement auf die Platte. Weshalb sind Nellys beste Songs immer die versteckten? Für
CRY gilt dasselbe Prinzip. Die emotionale Ballade ist physisch auf CD noch nicht erhältlich, man kann sie nur exklusiv downloaden.
Rein und für sich hat Nelly Furtado mit ihrem fünften Werk THE SPIRIT INDESTRUCTIBLE eine wunderbar ausgefallene Platte geschaffen, die ihre Ideenvielfalt und Experimentierfreudigkeit von jeher bestätigt. Sie prägte solch treffende Genrebezeichnungen wie Trip-Hop sowie Ethno-Pop und schafft es gleichzeitig urban und electro zu klingen, sodass es den Zeitgeist repräsentiert. Kurzum: T.S.I. besitzt Hirn!
Warum also nur vier Sterne? Zum Einen ist die Pappverpackung der Deluxe Edition daran Schuld. Die beiden CDs wurden zusammen mit dem ausführlichen Booklet, das die Lyrics des gesamten Albums parat hält, in zwei Pappärmeln untergebracht, wodurch die Silberlinge leicht verbiegen und zerkratzen können. Das Booklet knickt aufgrund der vorherrschenden Enge schnell. Für Ästhetiker wie mich ist das nichts!
Zum Anderen leidet dieses Werk ebenso wie die meisten anderen der Popindustrie unter dem Syndrom Loudness Wars. Generell wurde der Longplayer sehr basslastig abgemischt. Allerdings wurde es damit mehrfach übertrieben, sodass ärgerliches Clipping auftritt (so geschehen in BIG HOOPS und DON'T LEAVE ME). Es ist wirklich schade, dass das rundum triftige T.S.I. durch dessen audiovisuelle Präsentation keine Bestwertung erhalten kann. So sind es dann nur vier Sterne geworden. Hoffnungsvoll warte ich eine eventuelle Vinyl-Veröffentlichung ab, die die klanglichen Defizite bereinigen könnte.