Diesem unbarmherzigen Motto hat sich der geheimnisvolle Serienmörder in Robert Siodmaks Psychothriller "The Spiral Staircase" (1945) verschrieben, der es Anfang des 20. Jahrhunderts in einer Kleinstadt auf junge Frauen mit einer wie auch immer gearteten körperlichen Beeinträchtigung abgesehen hat. Doch auch für Siodmak selbst mag dieses Motto, freilich in bezug auf die Inszenierung von "The Spiral Staircase", gegolten haben, denn hier haben wir einen feinen, atmosphärisch dichten Thriller, der - auch wenn manch einer recht früh erahnen mag, wer hinter den Morden steckt - als rundum gelungenes Genrebeispiel bezeichnet werden kann.
Das Drehbuch ist angelehnt an Ethel Lina Whites Kriminalroman "Some Must Watch", doch wurde aus dem verkrüppelten Dienstmädchen aus dem Buch eine stumme junge Frau namens Helen (Dorothy McGuire). Helen arbeitet im Haushalt Professor Warrens (George Brent) und seiner bettlägerigen und übellaunigen Mutter (Ethel Barrymore), zu dem auch noch des Professors Halbbruder Steve (Gordon Oliver), ein kaltschnäuziger Bon vivant und Schürzenjäger, sowie die Sekretärin Blanche (Rhonda Fleming) und das Dienstbotenehepaar Oates (Rhys Williams und die unnachahmliche Elsa Lanchester) gehören. Ferner ist da Mrs. Barker (Sara Allgood), eine ältliche Krankenschwester, die Mrs. Warrens Launen ertragen muß, sowie Dr. Parry (Kent Smith), ein junger und idealistischer Arzt, der sich in Helen verliebt zu haben scheint und glaubt, den Schlüssel zu ihrer Heilung in der Tasche zu haben.
"The Spiral Staircase" beachtet peinlich genau die dramatischen Einheiten, spielt er doch fast ausschließlich - abgesehen von einigen Anfangsszenen - in dem weitläufigen und dunklen Anwesen der Warrens und finden die Ereignisse allesamt an einem von einem Unwetter heimgesuchten Abend statt. Zudem gelingt es Siodmak fabelhaft, eine bedrohliche und unheilschwangere Atmosphäre heraufzubeschwören sowie durch subtile Hinweise den Verdacht anfangs auf möglichst viele Figuren auszuweiten. So erfahren wir beispielsweise in einem Nebensatz, daß der freundliche Dr. Parry erst seit wenigen Monaten in der Stadt praktiziert - genauso wie der Mörder. Auch Mr. Oates und Professor Warren scheint ein dunkles Geheimnis zu verbinden, denn warum spricht der Dienstbote, als er sich mit seinem Herrn allein wähnt, diesen so unhöflich mit seinem Vornamen an? Was bedeuten Mrs. Warrens mahnende Aufforderungen an Helen, sie möge noch in dieser Nacht das Haus verlassen? Bei all den finsteren Vorgängen sorgen Sara Allgood und Elsa Lanchester dann noch für ein gewisses comic relief.
Auch Kamera-Urgestein Nicholas Musuraca (u.a. "Blood on the Moon" (1948) für Robert Wise) trägt seinen Teil dazu bei, den Zuschauer das Fürchten zu lehren, indem er uns etwa in einer Szene, in der Helen sich im Spiegel betrachtet, die Perspektive des Mörders einnehmen läßt. Hier sehen wir das potentielle Opfer als eine Frau ohne Mund, bekommen also eine Ahnung von der kranken Wahrnehmungsweise des tödlichen Psychopathen, der schon längst in dem alten Herrenhause lauert. Doch bereits am Anfang versteht es Siodmak, uns mit üblen Vorahnungen zu erfüllen, wenn Helen sich einen Kinofilm ansieht und der Mord auf der Leinwand parallel mit dem Mord an einer hinkenden jungen Frau im Obergeschoß des Hauses, in dem der Film gezeigt wird, geschnitten wird. Ein Klassiker ist auch die Szene mit dem Gartenzaun: Auf dem Heimweg bekommt es Helen angesichts des hereinbrechenden Gewitters mit der Angst zu tun, und da sie ja selbst kein Wort hervorbringen kann, nimmt sie einen Ast und bringt damit die Latten des Zaunes zum Klappern, so als wolle sie damit die Geister ihrer Furcht verscheuchen. Hier bekommt der Zuschauer eine Ahnung davon, wie bedrückend es sein muß, keinen Laut hervorbringen zu können - dieses Thema wird später wieder aufgenommen, als Helen von ihrem Fenster im ersten Stock aus vergeblich versucht, über den Gewitterdonner hinweg den Polizeibeamten im Garten auf ihre Notlage aufmerksam zu machen, oder auch wenn sie keine andere Möglichkeit hat, als über das Haustelefon Hilfe herbeizuholen. Das hier vermittelte Bild von Hilflosigkeit ist geradezu alptraumhaft und trägt viel zur Wirkung dieses Thrillers bei.
Wenn auch das Ende ein wenig unglaubwürdig ist und eine psychologisch glaubhafte Zeichnung des Mörders zugunsten einer kruden Melodramatik geopfert wurde, so bin ich als Zuschauer mit "The Spiral Staircase" aufgrund der Kraft der Inszenierung und der starken Identifikation mit der ausweglosen Lage der Protagonistin am Ende vollauf versöhnt gewesen.
Leider gibt es meines Wissens momentan noch keine DVD-Fassung dieses Filmes, die eine deutsche Synchronisation enthielte, doch bietet die englische Originalfassung kaum ernstzunehmende Verständnisschwierigkeiten.